Argentiniens Nummer 10

„Yo tengo la diez“ – Ich hab die Zehn ist eine der vielen geflügelten Redewendungen, die aus dem Fußballjargon in die argentinische Alltagssprache übernommen wurden. Wer die 10 trägt genießt Autorität, ist ein ‚Macher’ – nicht nur auf dem grünen Rasen, sondern auch neben dem Platz. Seit Maradonas Zeiten gleicht diese Rückennummer einem Heiligenschein, wenn sie auch oft in der Vergangenheit eher einem bösen Omen als einem glückbringendem Talisman glich. Nach Riquelmes Rücktritt aus der argentinischen Nationalmannschaft ist sie nun erneut vakant. Wer läuft heute mit diesem geschichtsträchtigem Trikot der Albiceleste auf?

Schon vor Jahren, im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea hatte der argentinische Fußballverband AFA versucht, sich der endlosen Diskussion um die Vergabe der traditionellen Rückennummer des Spielmachers zu entziehen. Wie die 23 nach dem Abgang von Michael Air Jordan bei den Chicago Bulls, sollte das blauweise Trikot mit der 10 nicht mehr vergeben werden; als Hommage an den größten Spieler aller Zeiten Diego Armando Maradona. Aber bei der Endrunde in Asien konnte man sich nicht gegen das Regelwerk der FIFA stemmen und die 10 bekam Ariel Ortega. Argentinien schied damals blamabel in der Vorrunde aus und Eselchen Ortega kämpft heute in der argentinischen Provinz gegen seine Alkoholsucht.

Danach war es Juan Román Riquelme, der mit viel Pathos von Maradona persönlich bei dessen Abschiedsspiel die Nummer 10 der Boca Juniors – und damit indirekt auch die 10 der Nationalmannschaft erbte. Nur waren Riquelmes Leistungen in der Nationalmannschaft zuletzt nicht gerade diesem historischem Trikot würdig und nach seinem erneuten Rücktritt aus der Selección vor einigen Wochen wurde eine neue Diskussion um das Erbe der 10 entfacht.
Im Kader für die beiden WM-Qualifikationsspiele gegen Venezuela und Bolivien stehen drei Spieler, die diese Rückennummer im Verein tragen: Lionel Messi bekam beim FC Barcelona nach dem Abgang von Ronaldinho zu Beginn dieser Saison die 10 der Blaugrana, erhält aber in der Nationalmannschaft bisher weiterhin die jüngliche 18. Sergio Agüero trug bereits vor seinem Wechsel nach Spanien bei seinem Heimatverein Independiente als siebzehnjähriger die 10 und auch bei Atlético Madrid bekam er im Sommer 2006 unter Blitzlichtgewitter das Trikot des Spielmachers überreicht. Nur sind eigentlich weder Agüero noch Messi klassische Ballverteiler. Beide sind eher hängende Spitzen, vor allem Agüero ist sowohl in der Nationalmannschaft als auch bei Atlético selten im Mittelfeld unterwegs. Messi erarbeitet sich zwar viele Bälle auf Höhe der Mittellinie, spielt aber eher auf halbrechter Position und ist auch längst kein klassischerPassgeber wie Maradona, Matthäus oder Beckenbauer.
Der einzige typische Zehner im aktuellen Kader der Albiceleste ist der für europäische Fußballfans nahezu unbekannte Daniel Montenegro. Der mittlerweile 30jährige Rolfi, so sein Spitzname, hatte zwar auch kurze Gastspiele in Spanien, Frankreich und sogar in Russland, konnte seine Leistungen aber meist nur in der Heimat bei River Plate und Independiente abrufen, wo er 2001 die Meisterschaft gewann und auch in den letzten Monaten der Kopf der Mannschaft ist. Nur ist Independiente längst nicht mehr ein Team auf Augenhöhe mit südamerikanischen Topteams und noch weniger mit europäischen Spitzenmannschaften. Aber zuletzt feiert Montenegro ein Traumtor aus 30 Meter gegen die Boca Juniors, in dem er beim Jubel überzeugt auf seine Rückennummer verwies. Es schien, als ob er geahnt hätte, dass kaum zwei Tage später Maradona in der Presse ihn zum Träger der 10 in der Nationalmannschaft erkoren sollte – völlig unabhängig davon, ob Montenegro überhaupt in der Startelf stehen würde.
Nur genießt Montenegro weder bei der Presse, noch bei seinen Nationalmannschaftskollegen genügend Lobby, um diese Zentnerlast zu schultern. Verschiedene Nationalspieler sprachen sich im Laufe der vergangen Woche für Messi als Zehner aus, sogar Carlos Tévez, eigentlich die klassischste ‚9’ die man sich vorstellen kann, wurde ins Gespräch gebracht. Ebenso Juan Verón, der zwar bei Estudiantes de La Plata die 11 trägt, aber aufgrund seiner Erfahrung und Position durchaus würdig wäre, heute im Estadio Monumental mit der 10 aufzulaufen.
Wahrscheinlich wird nun der Stimme des Volkes Gehör geschenkt. Zuletzt forderten bei einer Umfrage der Sportzeitung Olé 45% der knapp 50.000 Teilnehmer, dass Lionel Messi mit Maradonas alter Rückennummer auflaufen soll – nicht aufgrund seiner Position auf dem Spielfeld, sondern als würdiger Erbe des besten Fußballers aller Zeiten.

Viktor Coco

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Eine Antwort zu “Argentiniens Nummer 10

  1. Ich finde es richtig,dass Lionel Messi die Nummer 10 bekommen hat!!!

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