Countdown für den Superclásico River – Boca

Fünf Tage noch bis zum Superclásico, dem Aufeinandertreffen der beiden großen Mannschaften aus der Hauptstadt. Die Tickets sind fast ausverkauft und auf der Arbeit werden die typischen Wetten zwischen Gallinas und Bosteros abgemacht. Es ist wieder soweit: Derbytime in Buenos Aires! Grund genug für Etienne Leue von seinem ersten Mal Boca – River zu berichten…

Das Derby der Superlative

Seit zwei Monaten lebte ich in Buenos Aires, mindestens drei Jahre würden noch dazukommen, bis ich als ausgebildeter Journalist nach Deutschland zurückkehren könnte.

So war der sagenumwobene Superclásico für mich als angehenden Mann vom Fach absoluter Pflichttermin. Superclásico, Boca-River, gelb-blau gegen rot-weiß, „Bosteros“(„Pferdemist“) gegen „Gallinas“ („Hühnchen“), vermeintlich arm gegen vermeintlich reich, ein Kampf von epischen Ausmaßen, das ewige Duell der beiden mit Abstand größten Clubs Argentiniens.

Dieses Mal sollte das Derby der vielen Superlative in der Bombonera, dem Stadion der Boca Juniors, stattfinden. Schon bei einem früheren Argentinien-Besuch versicherte man mir, dass der Clásico in der Bombonera ein auf der Welt einzigartiges Ereignis wäre, nur sei es leider absolut unmöglich, Karten für die 57 000 Zuschauer-Arena zu bekommen.

Tatsächlich blieben Versuche über die offiziellen Kanäle gänzlich erfolglos, und so war die Reventa, der Schwarzmarkt, Endstation Hoffnung .

Im Internet fanden sich leicht hunderte von Angeboten von 400 Pesos (rund 90 Euro) bis 400 Dollar. Eine halbe Monatsmiete in Argentinien und Geld das man als Student nicht unbedingt übrig hat. So verabschiedete ich mich bereits innerlich vom Stadionbesuch und war in Gedanken schon beim Einkaufszettel für den Nachmittag mit Freunden, Chips und Quilmes. Doch in Argentinien ist alles ein bisschen anders, auch dieses Mal…

Der Freund- eines Freundes- eines Freundes

Der Anruf kam am Samstag morgen, mein schweizer Freund Mathias. Aufgeregt erzählt er mir von einem Freund, der einen Freund hat, dessen Freund Karten zu einem halbwegs vertretbaren Preis besorgen könne, zu sechst seien wir insgesamt. „TIA – this is Africa“ erklärte Leonardo Di Caprio in „Blood Diamond“ Jennifer Conelly, mit „TIA – this is Argentina“ verhält es sich ähnlich und so sollte der Sonntag noch einige Überraschungen für uns parat haben.

Treffpunkt beim großen M

Am Tag des großen Spiel, treffen wir uns sechs Stunden (!) vor Anpfiff mit dem ersten „Kontaktmann“. Auf meine Frage nach den Karten bekomme ich die überraschende Antwort, dass es keine Karten gäbe und wir über einen Freund am Drehkreuz hineingeschleust werden würden.

Nach kurzer Autofahrt machen wir Halt auf dem Parkplatz des großen Global Players mit dem M, in der Nähe des Stadions. Das ist unser Treffpunkt. Auf der Tour hatte ich von unserem Freund Cristian, der Mann mit ohne Karten, erfahren, dass er ein Bekannter des Anwalts sei, der La 12 (Ultras/Hools der Boca Juniors) vertrete und wir mit Hilfe eben jener Barra Bravas ins Stadion kommen würden. Bei dem Gedanken wurde mir ein bisschen komisch, denn ein paar Tage vorher hatte ich in der Zeitung gelesen, dass Rafael di Zeo, seineszeichens Kopf der 12, zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Egal, zurück gab es jetzt nicht mehr.

Bloß nicht in die Popular“

Ein Argentinier ist von Natur aus risikofreudig, auch meine Freunde machen da keine Ausnahme, doch in einem waren sich alle einig: „Geh niemals in die Popular (Stehkuevw) und schon gar nicht ohne Argentinier

Kurz vor dem Ziel - Die Bombonera
Kurz vor dem Ziel – Die Bombonera

und sowieso nicht zu Boca“. Da waren wir also nun, ein blonder Schweizer, eine blonde Schwedin, ein blonder Engländer, zwei blonde Deutsche und ich. Nicht die ideale Besetzung um in einer argentinischen Fankurve unterzutauchen.

Nach etwa zwanzig Minuten fährt ein silberner Luxus-VW mit getönten Fensterscheiben vor. Der Mann der schließlich aussteigt, entspricht nicht dem, was ich erwartet hatte : Ein großer, kräftiger Glatzkopf im T-Shirt, auf seiner blauen Kappe prangt die gelbe 12. Freundlich begrüßt er uns und bittet dem Wagen zu folgen. Wir tun wie uns geheißen und immer näher kommen wir an die Bombonera heran, passieren eine Sicherheitsschranke nach der anderen und stoppen schließlich in einer kleinen Straße.

Begegnung mit der Hinchada

Als ich aussteige, verwandelt sich die böse Vorahnung in ein äußerst flaues Gefühl im Magen: so weit das Auge reicht Knasttattoos auf nackten Bäuchen, Goldketten, fettige Vokuhila und überhaupt wenig liebenswertes. Mit dem Bücher Club Buenos Aires hatten wir es hier offensichtlich nicht zu tun. Mit fünf Blonden im Herzen der 12. Cristian und unser Geld waren schon wieder auf dem Heimweg und unsere

Der Oberrang
Der Oberrang

Erwartungshaltung hatte sich schlagartig von „ins Stadion kommen“ auf „möglichst heil nachhause kommen“ geändert.

Unser Mann aus dem VW platziert uns in einer unauffälligen Ecke, während weitere Hinchas Blockfahne, Bengalos und andere Utensilien herankarren. Freundlich weist er uns darauf hin, dass nun die Zeit gekommen sei Ketten, Fotoapparate, Handys und alle anderen Wertgegenstände ein für alle Mal verschwinden zu lassen. Sollte uns jemand dumm kommen: wir wären mit „Hugo“ da.

Ungefähr eine Stunde warten wir schon, als plötzlich Unruhe aufkommt: eine Reisegruppe von etwa 100 Amerikanern biegt in die Seitenstraße ein. Mir schwahnt Schlimmes und gleichzeitig freue ich mich, dass ich nicht der Einzige bin der hier und heute sein Leben verlieren wird. Es dauert einen Augenblick bis ich merke, dass die Amis ebenfalls unter dem Schutz von Allmighty Hugo stehen. Später erfahre ich, dass der Zuschauerschmuggel eine der lukrativsten Einnahmequellen der Barra Bravas ist und das vom Ordner am Drehkreuz bis zum Präsidenten alle daran mitverdienen

Das Tor zum Fußballhimmel

Eine halbe Stunde später setzt sich der Tross in Bewegung. Wir passieren das erste Drehkreuz, diverse Herren im Anzug und Polizisten und niemand stört sich an uns, bis wir schließlich direkt an der Bombonera stehen. Ein letztes Drehkreuz muss noch überwunden werden.

VIP Area auf argentinisch - Die Palcos
VIP Area auf argentinisch – Die Palcos

Wieder Warterei, drei Mal werden wir vom VW-Mann freundlich gebeten den Standort zu wechseln. Um keinen Preis sollen wir auffallen. Unsere letzte Position ist hinter dem Stand eines Souvenirverkäufers, dann wird es plötzlich hektisch: „Schnell, schnell“, werden wir zum Drehkreuz gerufen. Schnell durch, zwei Mann pro Umdrehung, keine Karten – natürlich keine Karten – und als ich mich umdrehe, sehe ich wie die Masse die Polizeibarriere durchbricht und in Richtung Stadion stürmt. Doch wir waren drin. Unglaublich, tatsächlich hatte es geklappt: mein erster Superclásico in der legendären Bombonera.

Eine Antwort zu “Countdown für den Superclásico River – Boca

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