Lo tiene de hijo

Independiente schlägt den Club Atletico Boca Juniors durch zwei Tore von Daniel Montenegro mit 2:0. Die Roten gewinnen auch denn zweiten Clásico der Saison und versetzen Avellaneda in Verzückung.

Man frage einen beliebigen Fußballfan außerhalb Argentiniens nach den wichtigen Derbies im Land von Tango, Steak und Maradona, garantiert kriegt man in 99 1/2 von 100 Fällen „Boca-River, natürlich“ als Antwort. Und zweifellos, der Superclasico hat seine Reize: die beiden Prestige-Klubs Argentiniens, blau-gelb gegen weiß-rot, arm gegen reich, Bosteros gegen Gallinas, doch eins ist der Superclasico nicht: ein Clasico del barrio, ein Derby zweier Mannschaften aus benachbarten oder dem selben Viertel. Anders ist das bei Boca und Independiente: La Boca und Avellaneda – Heimat der Rojo – sind nur durch den Riachuelo, einen 64 Kilometer langen Fluss der etwas weiter östlich in den Rio de La Plata mündet, getrennt. Die Auswärtsfans machen sich auch gerne schon mal zu Fuß auf den Weg ins gegnerische Stadion, die Trikots für gewöhnlich unter dem Pullover versteckt, denn Independiente Boca heißt Emotion und die kann im argentinischen Fußball schnell in Gewalt umschlagen.

Auch dieses Mal musste die Polizei eingreifen. Bereits vor dem Spiel wurden mehrere Anhänger der Boca Juniors auf dem Weg zum Stadion verhaftet, in ihrem Besitz befanden sich Waffen und gefälschte Eintrittskarten. Außerdem wurde der Mannschaftsbus des amtierenden argentinischen Meisters auf dem Weg zum Stadion von Independiente-Fans angegriffen. Und auch während des Spiels war die Stimmung zwischen den Nachbarn wenig freundschaftlich: die Hinchada aus Avellaneda hatte eigens Fahnen gemalt die neben dem Logo der Boca Barra La 12 auch mit den Flaggen von Paraguay und Bolivien versehen waren. Hintergrund: La Boca gilt traditionell als Armenviertel Buenos Aires‘, eine Wohngegend in der laut landläufiger Meinung nur arme Einwanderer leben, Boca-Fans sind folglich „Todos Paraguayos y Bolivianos“. Ein für Europäer schwer nachzuvollziehender Humor, aber Political Correctness findet man in Argentinien ebenso häuftig wie ehrliche Polizisten.

Bei aller Rivalität wurde auch Fußball gespielt und da tat sich besonders einer hervor: Daniel El Rolfi Montenegro, seines Zeichens Spielmacher von Independiente, von den Fans beschuldigt in großen Spielen gerne einmal abzutauchen. Nicht diesmal: in der 55. Minute führt die Nummer 10  den Ball im Sprint in Richtung Boca-Tor, verpasst dem kolumbianischen Mittelfeldspieler Fabian Vargas einen Beinschuss von dem er noch im Rentenalter träumen wird, macht noch vier Schritte in höchstem Tempo und bringt das Leder per Gewaltschuss unhaltbar im rechten Eck unter. Das erste Tor Montenegros gegen Boca seit zehn Jahren, damals noch im Trikot von Huracán. Zum ersten Mal nach einer langen Durststrecke mit  bestenfalls durchschnittlichern Leistungen Montenegros, liegen die Fans aus Avellaneda ihrem Rolfi wieder zu Füßen. Die nächste Welle der Sympathie für den Nationalspieler kam 23 Minuten später , vorher hatte Abbondanzierri Federico Mancuello im Strafraum zu Fall gebracht. Der Elfmeter war dann wieder Chefsache: 2:0 Montenegro, das Spiel war durch und Independiente hatte nach dem Derby gegen Racing auch das zweitwichtigste Match der Saison gewonnen. Das Boca das Spiel zu neunt beendete – Mouche (24.) und Battaglia (86.)  waren vom Platz gestellt worden- interessierte bei den Roten niemanden mehr.

Gewinnt man in Argentinien ein wichtiges Spiel, kriegt man nicht nur drei Punkte auf sein Konto, sondern erwirbt auch das Recht sich für ein paar Wochen über den Besiegten lustig zu machen. Eine beliebte Formulierung ist dabei den Gegner „zu seinem Sohn machen“. Und so können nun tausende Fans des kriselnden Traditionsclub Independiente mit stolzgeschwellter Brust auf die Arbeit, in die Universität oder die Schule gehen und mit Fug und Recht  behaupten: „A Boca, los tenemos de hijos“.

Etienne

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