Eine Frage des Charakters?

Wenn in Lateinamerika nationale Stereotypen abgehandelt werden, erzählt man sich gerne einen Witz: Wie begeht ein Argentinier Selbstmord? – Er klettert ganz nach oben auf die Spitze seines Egos und stürzt sich in die Tiefe. Arroganz und Überheblichkeit sind die zwei Charakterbeschreibungen, mit denen Argentinier häufig konfrontiert werden. Nach dem grandiosen Heimsieg gegen Venezuela bejubelte das Land seine Nationalauswahl und die Diskussionen schienen nur noch darum zu kreisen, ob Diego selbst oder doch der Kapitän der Selección am 11.Juli 2010 in Johannesburg den WM-Pokal in die Höhe strecken soll. Aber scheiterte Maradonas Team bei dieser historischen Niederlage gegen Bolivien an sich selbst oder an der andinen Höhenluft?

Diese beschriebene Arroganz der Argentinier, die eigentlich eher ein Phänomen der Hauptstädter als des ganzen Landes zu sein scheint, ist Teil der zerissenen, bipolaren Psyche der Gauchos. Mal ist alles schlecht, die Welt lacht über uns und das Land geht den Bach herunter. Nicht umsonst hat Buenos Aires die höchste Dichte an Psychatern auf der ganzen Welt, die versuchen, diese schwankenden Depressionen der Individuen aufzuklären (oder in Geld umzusetzen).
Mal ist aber auch alles spitze, wir sind die schönsten und die Brasilianer können ruhig im WM-Finale kommen. Im Fußball äußert sich diese Überheblichkeit oft in Form einer Dominanz, die versucht, den Gegner vorzuführen. Dominiert eine argentinische Mannschaft-sei es das Nationalteam oder eine Vereinsmannschaft in der Liga- das Spiel, suchen die Spieler, je näher die 90. Minute heranrückt, immer weniger das gegnerische Tor, sondern versuchen durch sicheres Kombinationsspiel mit jeder Ballberührung das triumphierende, jeden Pass begleitende, Oleeé aus den Kehlen der Zuschauer zu ernten. Die Krönung der eigenen Selbstsicherheit und dadurch gleichzeitig die der Lächerlichkeit des Gegners, ist es dann, möglichst kunstvoll die Gegenspieler zu tunneln. (Wofür sich Spezialist Juan Pablo Sorín sogar mal eine Ohrfeige von keinem geringeren als Ronaldinho einfing.)
Benebelt von der MaradonaMania, befand sich die ganze Nation nach spielerisch überzeugenden Leistungen im Freundschaftsspiel gegen Frankreich und beim 4:0 Erfolg gegen Venezuela in diesem selbstsicheren Gemütszustand. Und dies, obwohl nicht einmal vor einem halben Jahr, nach der ersten Niederlage in einer WM-Qualifikation gegen Chile, das blauweise Nationalteam vom ganzen Land verflucht wurde.
Das Auswärtsspiel gegen Bolivien schien nun aber kein Stolpersteinchen auf dem galoppierenden Ritt nach Südafrika zu sein und Trainer Maradona nutze die Chance, um das Erfolgsteam auf drei Positionen zu verändern und ein anderes Schema zu erproben. Dazu entschied er sich, der Höhenluft anders als üblich zu entgegnen: Während es für die meisten südamerikanischen Teams bei Auswärtsspielen in den Anden üblich ist, erst wenige Stunden vor dem Anpfiff die letzten entscheidenden Höhenmeter anzutreten, damit die körperlichen Schwächen durch den geringeren Sauerstoffanteil der Luft sich erst nach dem Spiel bemerkbar machen, entschied sich das Trainerteam um Maradona dafür, bereits Tage vorher mit der Akklimatisierung zu beginnen. Wahrscheinlich erinnerte sich el diez an den nahezu unbekannten, genialen Schachzug, vor seiner legendären WM ’86, sich auf die Höhenstrapazen in Mexikos Hauptstadt mit einem individuellen Trainingscamp auf dem bolivianischen Hochland vorzubereiten. Nur diesmal ging dieser Schuss wohl nach hinten los. Natürlich pumpt eine Flachlandlunge auf 3600 Meter ganz anders und verständlicher Weise beschwert sich Lionel Messi nach dem Spiel, dass es für ihn unmöglich sei, in La Paz zu spielen. Aber schon ganz andere Nationalteams konnten dort überzeugende Siege einfahren; zuletzt die vom Argentinier Marcelo Bielsa trainierten Chilenen. Außerdem akzeptiert Maradona diese Entschuldigung nicht, war er es doch, der im Konflikt mit der FIFA um die Austragung von Qualifikationsspielen im Bergland dem bolivianischen Staatschef Evo Morales richtigerweise den Rücken stärkte.
Und auch der taktische Wechsel vom offensiven 3-4-3 zum 4-4-2 kann beim Spielermaterial der Argentinier nicht als Ausrede gelten. Zwar fehlte Agüero im Angriffsspiel, aber die Fehler wurden eher in der Defensive gemacht, wo Bayerns Demichelis und auch der Keeper Carrizo neben anderen Schwachstellen nicht den besten Tag erwischt hatten. Argentiniens Fußballblatt Olé berechnete die Verantwortlichkeit dieser historischen Niederlage wie folgt: 40% Diego, 30% Spieler, 20% Höhe und nur zu 10% lag es wohl an den bolivianischen Spielern. Also war es vielleicht doch eine Frage des Charakters….

Viktor Coco

Eine Antwort zu “Eine Frage des Charakters?

  1. Aufenthaltsort der argentinischen Nationalmanschaft war Santa Cruz de la Sierra. Gegen was so ein Name denken lassen kann, ist Santa Cruz mehr mit der Amazonia oder Chaco vergleichbar als mit den Anden. Der Versuch in La Paz offensiv zu spielen, war sicherlich Selbstmort. Wer ein Punkt von dieser Stadt holen kann, ist mehr als zufrieden, und Argentinien hatte schon einmal dort gewonnen und einmal ein 1-3 in 3-3 verwandelt. Das war heroisch, viele Leute scheinen es vergessen zu haben.

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