Copa Libertadores: Die Video-Highlights und dazu Geschichten des südamerikanischen Fußballs

Vergleicht man die diesjährige europäische Champions League mit der gerade beendeten Copa Libertadores, lassen sich ein paar Parallelen beobachten: Zum Beispiel setze sich der FC Barcelona gegen die vermeintliche Übermacht der englischen Teams durch, wie auch Estudiantes im Achtelfinale als einziger argentinischer Klub vier brasilianischen Teams gegenüber stand. Aber die Unterschiede der beiden Wettbewerbe sind viel interessanter: Die Highlights und Kuriositäten des Titelgewinns von Estudiantes.

Schon jetzt steht im Terminkalender der UEFA, dass das Endspiel der Champions League Saison 2009/10 am 22. Mai im Santiago Bernabéu in Madrid stattfinden wird und sogar das folgende Endspiel 2011 ist im Wembley Stadion zu London für den 28. Mai des Jahres terminiert. Unvorstellbar in Südamerika. Einerseits stehen die Finalorte der Copa Libertadores nicht fest, weil das Endspiel mit Hin- und Rückspiel ausgetragen wird. Andererseits, weil selbst im laufenden Wettbewerb die Offiziellen des südamerikanischen Fußballverbandes CONMEBOL wohl nur eine vage Terminplanung im Kopf haben, wann die Copa vergeben werden soll. So wurde im vergangenen Wettbewerb auch mal ein Spiel um eine Woche verlegt, weil eine Fokloreband das Stadion früher gebucht hat. So geschehen beim Achtefinal-Hinspiel von Sporting Libertad und Boca Juniors. Ebenso wollte die CONMEBOL aufgrund der in Mexiko grassierenden Schweinegrippe für die mexikanischen Teams im Achtelfinale ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden ansetzen, was die Teams von Chivas Guadalajara und San Luis ablehnten und folglich kampflos aussschieden.

Ähnlich spontan wie die Terminierung ist auch der Ticketverkauf. Während in Europa der Eintrittskartenverkauf oft über Monate im voraus per Kreditkarte im Internet erledigt werden kann, stellt man sich in Südamerika selten früher als vier Tage vor dem Spiel ehrlich am Ticketschalter an der Geschäftsstelle seines Vereins an. Einen Tag (!) vor dem Finalrückspiel von Cruzeiro und Estudiantes am vergangenen Mittwoch im brasilianischen Belo Horizonte, verhandelte die Vereinsführung des argentinischen Klubs sogar noch mit Vertretern von Cruzeiro, über die Zuteilung weiterer 2000 Tickets für das Spiel im mystischen Stadion Minerao. Denn neben den 4000 mit Eintrittskarte angereisten Fans waren überraschend viele pincharratas ohne Finalticket die über 50stündige Busreise in die Hauptstadt des Bundesstaates Minha Gerais angetreten.

Am selben Tag legten die Veranstalter des CONMEBOL auch erst den endgültigen Modus des Finalrückspiels fest. Es stand zwar bereits vorher fest, dass erneut im Finale die Auswärtstor-Regel nicht greifen würde (was im letzten Jahr dem ekuadorianischen Team LDU Quito in Rio de Janeiro bei Fluminense die Verlängerung und später den Titelgewinn ermöglichte). Aber erst jetzt einigte man sich darauf, bei Unentschieden erneut eine 30minütige Verlängerung durchzuführen, bevor es zum Elfmeterschießen kommen sollte.

Weder Verlängerung, noch Elfmeterschießen benötigte aber Estudiantes um zum 4. Mal nach ’69,’70 und ’71 den wichtigsten Pokal des Kontinents zu gewinnen. Und einen besonders großen Anteil an der Geschichte dieser Pokaltriumphe hat der Familienname Verón. Juán Román war zentrales Glied des Teams von Estudiantes, die den Titel dreimal in Folge gewinnen konnten. Sohn Juán Sebastián konnte das schaffen, wovon so viele südamerikanische Europa-Legionäre träumen. Geld auf dem alten Kontinent verdienen und dann mit seinem Team in der Heimat Geschichte schreiben. Kaum ein europäischer Spieler bekennt sich heute noch so deutlich Fan von einem Verein zu sein, wie es viele Argentinier immer tun. Auch einige Brasilianer ziehen es vor, durch miserable mittelasiatische Fußballligen zu tingeln, anstatt zum richtigen Zeitpunkt in die Heimat zurückzukehren. Der ehemalige Weltstar Ronaldo, der durch seine Aktivität sowohl für beide Mailänder Vereine, als auch für Barcelona und Real Madrid zur Genüge seinen Söldnerstatus bewies, wechselte zuletzt zurück nach Brasilien zum Topclub Corinthians aus Sao Paolo – ein Schlag ins Gesicht der Fans von Flamengo aus Rio, der Klub, der ihn großgezogen hatte.
Undenkbar in Argentinien, wo Kily Gonzalez sein Rosario Central als Kapitän vor dem Abstieg retten konnte, wo Riquelme es vorzieht ein Jahr umsont für seine Boca Juniors zu spielen, anstatt in Europa bei höchstens UEFA Cup-tauglichen Klubs anzuheuern. Selbst der zur Zeit beste Spieler der Welt Lionel Messi betont in Interviews immerwieder, dass er außer für den FC Barcelona, am Ende seiner Karriere nur für seinen Heimatclub Newell’s Old Boys spielen möchte.

Eben dies tat Juán Sebastián Verón und schaffte es, einer Mannschaft seinen kämpferischen Stempel aufzudrücken. Bereits in der ersten Halbserie nach seiner Rückkehr gewann Estudiantes das Torneo Apertura 2006. Nachdem man an den letzten beiden Spieltagen vier Punkte auf Spitzenreiter Boca Juniors aufholen konnte, gewann das Team aus La Plata das Entscheidungsspiel 2:1; wobei wie jetzt im Finale gegen Cruzeiro ein 0:1 Rückstand aufgeholt wurde. Freistoß-Torschütze übrigens damals für Estudiantes der heutige Bayern- Spieler José Ernesto Sosa.

Zwei Jahre später scheiterte das Team um Kapitän Verón in der Copa Sudamericana, dem Pendant des UEFA Cups, im Finale an Internacional aus Porto Alegre, aber in diesem Halbjahr war ihnen die Siegermentalität seit dem ersten Spieltag der 50. Copa Libertadores anzumerken. Es kristallisierte sich ein Team heraus, mit zentralen Figuren internationaler Klasse: Neben Verón ist hier Torwart Mariano Andújar zu erwähnen, der im gesamten Wettbewerb zu Hause keinen Treffer kassierte. Die Abwehr stand sicher auch wegen Marcos Angeleri, der sich im letzten Jahr einen Platz in Maradonas Nationalelf erspielte, aber leider Anfang Juni einen Kreuzbandriss zuzog. Die Abwehr sollte also vor dem Halbfinale gegen Nacional aus Uruguay nochmal verstärkt werden und kurzerhand lieh man Routinier Rolando Schiavi von Newell’s für einen Monat(!) aus. Eine goldrichtige Verpflichtung, denn im Spiel gegen Cruzeiro konnte Schiavi vor allem in der ersten Halbzeit durch beherztes Einsteigen und gutes Stellungsspiel die Brasilianer an gefährlichen Torchancen hindern.
Für die Tore sorgten die Katze Fernandez, ein Knipser wie er im Buche steht, und Mauro Boselli, Torschützenkönig der diesjährigen Copa Libertadores. Sie erzielten auch die beiden entscheidenden Tore zum Titelgewinn.

Wie erwartet war es von Beginn an ein ruppiges Finalrückspiel. Bereits nach wenigen Minuten hätte Verón vielleicht sogar vom Platz gestellt werden müssen, nach einem Ellbogenschlag gegen Cruzeiros Kleber. Sowieso wären in Europa wohl bereits in der ersten Halbzeit 2-3 rote Karten gezückt worden. Aber der chilenische Unparteiische Carlos Chandía beweisst Fingerspitzengefühl und liefert, vielleicht überraschend, eine astreine Schiedsrichterleistung ab. Selbst das gibt es im südamerikanischen Fußball.
Die Highlights des Finalrückspiels: Cruzeiro Belo Horizonte – Estudiantes de La Plata (ARG) 1:2 (0:0)

Für die Liebhaber der spanischen Sprache, auch hier wieder ein Zusammenschnitt des Radiokommentars des Spiels. An Tempo und Präzision kaum zu überbieten, fasziniert in Südamerika sowohl bei den Fernseh- als auch vor allem bei den Radiokommentatoren das fußballerische Verständnis. Sie lesen das Spiel, erkennen (und kommentieren!) schnellstmöglich taktische Veränderungen, antizipieren erschreckend oft Tore noch im Spielfluß und brauchen generell nicht, wie häufig deutsche Fernsehkommentaren, vier Wiederholungen um zu begreifen, was überhaupt auf dem Rasen passiert.

Viktor Coco

2 Antworten zu “Copa Libertadores: Die Video-Highlights und dazu Geschichten des südamerikanischen Fußballs

  1. Faszinierende Bilder, obwohl ich kein Wort verstanden habe. Wenn man der der Aufzeichnung Glauben schenken darf, scheint das Tempo noch höher als in der Champions League zu sein.

  2. Pingback: Copa Libertadores 2011 mit Estudiantes, Vélez, Argentinos, Godoy Cruz und Independiente | Fußball auf Argentinisch

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