Zwischen Himmel und Hölle: Diego Maradona als Nationaltrainer der Albiceleste

Als Diego Maradona vor knapp einem Jahr den Trainerposten bei der argentinischen Nationalmannschaft antrat, feierten die große Mehrheit der Argentinier ihr Idol. Maradona würde den Spielern schon beibringen – so die 12allgemeine Meinung – was es heißt das Trikot der Selección zu tragen. Das Maradonas Erfahrungen auf der Trainerbank sich allerdings auf zwei kurze und erfolglose Engagements beim Racing Club de Avellaneda und dem Provinzklub Mandiyú beschränkte, störte dabei kaum jemanden. Nach der Niederlage gegen Paraguay und der mittlerweile ernsthaften Gefährdung der Qualifikation für die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika hat sich das Panorama allerdings geändert: Spieler in der Kritik, saure Vereinsbosse, ein besorgter Grondona und ein ebenso ratloser wie offensichtlich überforderter Maradona. Die Frage die sich stellt ist offensichtlich: War es die falsche Entscheidung das Glück der Nationalmannschaft in die Hand Gottes zu legen? Die Bilanz des Trainers Diego Armando Maradona…

El Diego bringt sich ins Gespräch

Als Alfio Basile am sechzehnten Oktober des vergangenen Jahres als Trainer der argentinischen Nationalmannschaft zurücktrat gab es mehr Applaus als Tränen unter argentinischen Fußballfans. Dem Mann der mit den Boca Juniors in seiner Amtszeit von 2005 bis 2006 insgesamt fünf Titel gewinnen konnte, war es nicht gelungen die hervorragenden Einzelspieler der Albiceleste zu einer funktionierenden Einheit zu formen. Als man dann auch noch mit 1:0 beim Erzrivalen aus Chile verlor, nahm Basile seinen Hut und das große Spekulieren um dessen Nachfolge konnte beginnen. Die heißesten Kandidaten für den Job waren eigentlich U21 Coach Sergio Checho Batista, Miguel Angel Russo und Trainerlegende Carlos Bianchi, als sich ein Mann selbst ins Gespräch brachte: Diego Armando Maradona, verehrt von einer ganzen Nation für Wunder die er am runden Leder vollbringen konnte und lebender Beweis für die Möglichkeit des südamerikanischen Traumes vom Armenviertel zu Reichtum und Weltruhm. Diego darf alles in Argentinien und nun wollte er eben die Nationalmannschaft.

Maradona vs. Bilardo

„Meine Zeit die Nationalmannschaft zu trainieren ist gekommen“, liess Maradona verlauten, warum das so sein sollte wusste wohl nur er, denn seine Erfolge als Trainer waren bis dahin bestenfalls dürftig: am 3.Oktober 1994 trat Maradona bei Mandiyú aus der Provinz Corrientes zum ersten mal als Coach in Erscheinung. Seine Bilanz: zwölf Spiele, ein Sieg, sechs Unentschieden und fünf Niederlagen. Drei Monate später heuerte er dann beim traditionsreichen Racing Club de Avellaneda an, auch dort ohne Erfolg: elf Spiele, zwei Siege, sechs Unentschieden und fünf Niederlagen. Ein Bewerbungsschreiben für den Trainerposten einer der wichtigsten Fußballnationalmannschaften der Welt sieht definitiv anders aus.

Nichtsdestoweniger tat die graue Eminenz des argentinischen Fußballs Don Julio Grondona seinem Spezi den Gefallen und machte ihn tatsächlich zum neuen Cheftrainer der Albiceleste. Ein lukratives Geschäft für Grondona und die AFA: die Nationalmannschaft ging durch die Weltpresse, die Übertragungsrechte für die Selección wurden für teures Geld verkauft und Grondona kassierte. Maradona zur Seite, als besseren Babysitter, stellte der Präsident der AFA den Weltmeisterschaftstrainer von 1986 Carlos Bilardo. Was El Diez davon hielt, ließ er die Öffentlichkeit schnell wissen: „Ich brauche nur Leute die meine Befehle befolgen. Ich treffe hier die Entscheidung“, starke Worte die der erfahrene Bilardo hinnahm und fortan nur noch als Statist auftrat und manch einer fragt sich, welche Existenzberechtigung El Narigon überhaupt noch auf der Gehaltsliste der AFA zu hat. Doch zu diesem Zeitpunkt wagte es noch niemand der Legende Maradona zu widersprechen.

Einstand nach Maß

Maradonas Debüt an der Seitenlinie folgte bereits knappe zwei Wochen später. Der Gegner hieß Schottland, ein Grund zur Freude für El Diego, denn wie er sagte würde er in Schottland „vergöttert“ für die beiden historischen Tore mit denen er 1986 die englische Nationalmannschft um Peter Shilton und Garry Lineker nachhause schickte. Eins war schon damals klar: der Star ist der Trainer und der genießt es. Dennoch, das Debüt glückte und eine gut aufgelegte argentinische Mannschaft schlug harmlose Schotten durch ein Tor von Maxi Rodriguez mit 1:0.

Im Februar 2009 gewann die Selección dann im wohl besten Auftritt unter Maradona in Frankreich mit 2:0. Wer jetzt noch Zweifel daran hatte, dass Maradona der falsche Mann für den Trainerposten sei, wurde als unverbesserlicher Pessimist abgestempelt. Und auch im ersten Spiel der WM Qualifikation lief es rund für die Selección: mit 4:0 wurde El Vino Tinto zurück nach Venezuela geschickt. Die Maradonamania war los.

Das Desaster von La Paz – Der Anfang vom Ende?

Alles war gut, bis zu jenem vierten April 2009: auf dem Programm stand das Qualifikationsspiel gegen die in der Tabelle bereits abgeschlagenen Bolivianer in der Höhe von La Paz. Sicherlich nicht das leichteste Spiel, denn das Atmen fällt bekanntermaßen schwer im Estadio Hernando Siles auf 3600 Metern, doch mit dem was dann folgte hatte niemand gerechnet: mit sage und schreibe 6:1 ging die unter Maradona bis dahin ungeschlagene Selección gegen den Fußballzwerg aus dem Nachbarland baden. Ein Totalausfall der Startruppe und die höchste Niederlage der Selección seit jener traumatischen 0:5 Heimniederlage 1993 in der WM-Qualifikation gegen Kolumbien. Zwar hatte Maradona bis dahin eine weiße Weste als Trainer, doch ein 6:1 gegen Bolivien hinterlässt Spuren und diejenigen die von Anfang an gegen die Verpflichtung Maradonas waren, kamen langsam wieder aus ihren Löchern gekrochen und die Maradonamania erhielt erste ernsthafte Kratzer.

Auch der erhoffte Befreiungsschlag im folgenden WM-Quali Spiel gegen Kolumbien blieb aus: die Selección konnte nicht überzeugen und gewann nach einer peinlichen Vorstellung durch ein Tor von Díaz mit 1:0. Nach dem Spiel beschwerten sich Spieler und Trainer über den Zustand des Rasens in River Plates` Estadio Monumental, dem traditionellen Austragungsort der Spiele der Nationalmannschaft, der Anfang eines Konflikts zwischen Diego Maradona und der Vereinsspitze von River, die schließlich zur Verlegung des Spiels gegen Brasilien nach Rosario führte.

Auch in Quito nichts zu holen

Nach den drei glanzlosen Punkten gegen Kolumbien lag Argentinien komfortabel auf dem dritten Platz der Südamerika Gruppe, besser waren nur Paraguay und Brasilien und niemand wähnte die Qualifikation für die Weltmeisterschaft ernsthaft in Gefahr. Wieder in der Höhe, diesmal von Quito, sollten nun gegen Ecuador weitere drei Punkte dazukommen, um im nächsten Spiel, dem Superclasico zuhause gegen Erzrivalen Brasilien den Sack zuzumachen. Doch daraus wurde nichts, 2:0 verlor ein harmloser und unorganisierter argentinischer Hühnerhaufen und machte da weiter wo er in Bolivien und gegen Kolumbien aufgehört hatte. Maradona sah es standesgemäß anders: „Wir haben ein spektakuläres Spiel gemacht und unverdient verloren“, meinte El Diez nach dem Spiel. Eine Aussage die die Diagnose Realitätsverlust nahelegt. Doch auch der Zweckoptimismus Maradonas half nichts, denn wo vorher nur eine Hand voll Skeptiker geschimpft hatte, wurde jetzt öffentlich mit der Selección und Maradona gehadert und wenn man schon gegen Ecuador auf diese Art und Weise unterlegen ist, was würde dann erst passieren wenn die immer besser in Fahrt kommenden Brasilianer nach Argentinien kommen? Trotz dem darauffolgenden guten 3:2 Testspiel Sieg in Russland: die Angst vor der nationalen Schande ging um.

Die Seleção ist Chef im Ring

„Brasilien hat uns eine Lektion erteilt“, „Seleção zerlegt Argentinien”, „Brasilianischer Killerinstinkt gegen die Selección”, um nur einige der Schlagzeilen zu zitieren, die die Titelseiten der großen argentinischen Tageszeitung am vergangenen Sonntag schmückten. Der brasilianische Nachbar hatte der Albiceleste eine Lehrstunde in Effektivität erteilt und konnte sich durch den 3:1 Sieg im Land des Erzrivalen für die Weltmeisterschaft in Südafrika qualifizieren. Höchststrafe für den stolzen Argentinier. Zweimal Luis Fabiano und einmal Luizao sorgten für klare Verhältnisse und die erste Heimniederlage der Argentinier in der WM Qualifikation seit 16 Jahren. Der Umzug aus dem Estadio Monumental nach Rosario hatte nicht den erhofften Schub gebracht und nur dank der schlechten Resultate der Konkurrenz blieb Argentinien auf einem direkten Qualifikationsplatz.

Argentinien ein gern gesehener Gast

Nach der schmerzhaften Niederlage gegen Brasilien, musste Argentinien die Punkte nun eben bei Paraguay holen. Um dieses schwierige Unterfangen zu meistern, entschied sich Diego Maradona dafür den Torhüter zu wechseln, bereits zum dritten Mal in seiner kurzen Amtszeit! Zuerst musste Abbondanzieri dran glauben und auch Juan Pablo Carrizo durfte sich nicht lange über einen  Platz in der Startelf freuen, ihn beerbte Mariando Andujar, der in diesem Jahr die Copa Libertadores mit Estudiantes de La Plata gewann, und nun Sergio Romero, junger Torhüter beim aktuellen holländischen Meister AZ Alkmaar. Was Maradona zu diesem Schritt bewogen hat ist fraglich und könnte als Verzweiflungstat ausgelegt werden, denn an Andujar hat es nicht gelegen, dass Gabriel Heinze Luizao beim Führungstreffer der Brasilianer aus den Augen verloren hat und auch war es nicht Andujar der dafür gesorgt hat, dass Messi und Tevez im Angriff nicht zueinander finden konnten. Trotzdem, der Schuldige war gefunden und Argentinien ging mit neuer Hoffnung und neuem Torhüter ins Spiel gegen Paraguay. Das Resultat ist bekannt: der Dortmunder Nelson Haedo Valdez trifft zum 1:0 Siegtreffer, vorher hatte schon zweimal das Aluminium für die Argentinier gerettet. Die Selección fand keine Antwort und als dann auch noch Juan Sebastian Verón nach wiederholtem Foulspiel mit gelb-roter Karte vom Platz gestellt wurde, war Argentiniens Schicksal besiegelt und die Paraguayos durften feiern.

Düstere Aussichten

Während Paraguay das zweite Team ist, das sich innerhalb einer Woche gegen Argentinien für Südafrika 2010 qualifiziert, landet die Albiceleste nun doch auf dem Relegationsplatz, dicht gefolgt von Uruguay, Kolumbien und Venezuela. Die Lage ist ernst und tatsächlich läuft man Gefahr sich zum ersten Mal seit 1970 nicht für eine Fußballweltmeisterschaft zu qualifizieren. Am nächsten Spieltag trifft Argentinien zuhause auf Peru, eine Pflichtaufgabe, selbst für eine Mannschaft in unterirdischer Form sollten die Peruanos keine Gefahr darstellen, doch sollte Uruguay nicht zeitgleich in Quito gegen Ecuador unterliegen, kommt es am letzten Spieltag in Montevideo zwischen Uruguay und Argentinien zum Entscheidungsspiel. Eine Niederlage gegen die Mannschaft vom anderen Ufer des Rio de La Plata würde dann tatsächlich das bedeuten, was niemand wirklich für möglich gehalten hätte: das Starensemble aus Argentinien unter der Führung seines berühmtesten Kindes Diego Maradona fährt nicht zur Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Und was sagt El Diego dazu? Natürlich: „Ich werde weitermachen, bis zum letzten Tropfen Blut. Die Kritik war mir immer egal“.

Etienne

Eine Antwort zu “Zwischen Himmel und Hölle: Diego Maradona als Nationaltrainer der Albiceleste

  1. Papagei aus Nunez

    Schuldig daran ist Riquelme. Raus mit Tristelme!

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