Diego Maradona, der Sprücheklopfer

Nach dem dramatischen Sieg der argentinischen Nationalmannschaft in Uruguay, mit dem sich das Team von Trainer Maradona nach zuletzt erschreckend schwachen Vorstellungen in der Qualifikation nun doch direkt für die Weltmeisterschaft in Südafrika qualifiziert hat, lieferte Diego einen bereits jetzt legendären Auftritt auf der Pressekonferenz ab.Maradona mit der Presse

Nachdem er sich bei seinen Spielern und den mitgereisten Fans bedankt und den Sieg dem argentinischen Volk gewidmet hatte, zog er ruhig aber mit der Wortgewalt eines Straßenjungen über die Presse her. „Man hat mich wie Dreck behandelt… Sie sollen mir einen lutschen und weiter lutschen“ dröhnte es später über die Ticker der Weltpresse. Von der Bild-Zeitung bis hin zu Sepp Blatter zeigte sich der Fußballkosmos empört. Natürlich ist ein solches Statement vor den Mikrophonen der Welt völlig unangebracht, aber eigentlich spricht Diego nur mal wieder aus, was alle anderen denken. Und das nicht zum ersten Mal…

Dem Weltfußballverband FIFA mit ihrem Präsidenten Sepp Blatter blieb natürlich nichts anderes übrig, als sofort ein Disziplinarverfahren gegen Maradona einzuleiten. Ihm drohen bis zu fünf Spiele Sperre und eine Geldstrafe von über 20.000 Schweizer Franken. Über Blatter äußerte Diego nach dessen Wahl zum FIFA-Präsidenten 1998: „Jetzt wo er die Wahlen gewonnen hat, kann er zusammen mit Joao Havelange krumme Dinger drehen.“

Ganz unrecht hatte er vielleicht nicht, bedenkt man die Vetternwirtschaft des Weltverbandes in Zürich. Kurz zuvor zeigte er bereits Bedenken bezüglich Blatters anfänglichem Wahn den Fußball neu zu reglemetieren: “ Jetzt fehlt nur noch, dass Blatter eines Morgens aufsteht und fordert, dass Fußball mit Dartpfeilen gespielt wird.“

Aber der Zwiespalt von Maradonas Sprüchen liegt darin, dass er neben unangebrachten Äußerungen die Fähigkeit besitzt, aus dem Bauch heraus rhetorisch stark den Fußball zu kommentieren. Legendär ist der Ausspruch, dass egal was passiere, „der Fußball sich nicht befleckt„, so geäußert von Maradona am Tag seines Ehrenspiels („Das ist ein Ehrenspiel und kein Abschiesspiel, denn ich werde mich nie vom Fußball verabschieden“).

pibe de oro Während moderne Fußballprofis sich häufig in Floskeln verlieren, lässt Diego keine Gelegenheit aus, um seine Liebe zum Fußballsport pathetisch zu definieren: „Der Fußball ist so wie seine Mutter zu lieben.“ Bereits  im zarten Alter von zehn Jahren plante er in einem seiner ersten Interviews: “ Mein erster Traum ist es, eine Weltmeisterschaft zu spielen und der zweite ist, mit der E-Jugend Meister zu werden.“

Nachdem er sechs Jahre  später in der ersten Mannschaft von Argentinos Juniors debütierte, strebte er nach etwas anderem: „Das einzige was ich will, ist, dass mein Vater nicht mehr arbeiten muss.“ Bei aller Überheblichkeit, die vielleicht nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass ihm ein ganzen Land seit dreizig Jahren wie einen Gott verehrt, sind es solch bodenständige Sprüche, die Maradona charakterisieren. („Wenn die Leute mir sagen, dass ich Gott bin, dann antworte ich ihnen, dass sie sich irren. Ich bin ein einfacher Fußballspieler. Gott ist Gott und ich bin Diego.„) Er will einfach einer von allen sein, auch wenn Europas Fußballprominenz peinlich berührt sein mag, wenn er wie bei der WM 2006 auf der Ehrentribüne die Fangesänge mitsingt, als stünde er auf einem Wellenbrecher in der Kurve.

maradona auf der Tribüne

Ähnlich wie Juán Román Riquelme, betonte Maradona als Spieler häufig die große Bedeutung, den Fans durch Tore eine Freude zu bereiten: „Ich bin ein Spieler, der den Leuten Freuden gegeben hat und das genügt mir vollkommen.“ Man will ihm irgendwie glauben, wenn er über seine Jugend in einem Armenviertel im Süden von Buenos Aires  reflektiert: „In Villa Fiorito fehlte es manchmal an Geld, aber nie an Freude. Verdammt nochmal, waren wir fröhlich.“ Schon mit Anfang zwanzig, betonte er immerzu, wie privilegiert seine Stellung als Fußballprofi ist: „Ich bin kein Magier. Ich bin Diego, der in Fiorito geboren wurde. Magier sind die, die dort in Fiorito leben. Denn sie zaubern mit nur 1000 Pesos im Monat.

Aber er sollte der größte Spieler der Welt werden. Irgendwie also doch ein Zauberer und er realisierte den Sonderstatus, den ihm das argentinische Volk für sein außergewöhnliches Talent zugestand. „Der Ball ruft immer nach Diego„, wusste er bald und „die Nummer 10 der Nationalmannschaft wird immer mein Trikot sein„, manifestierte er nach drei Weltmeisterschaften. Wenn ihm mal außnahmsweise eine große Möglichkeit durch die Lappen ging, kommentierte er dies mit Witz. „Mir ist die Schildkröte entwischt“ ist heute ähnlich wie Diegos Spruch nach seinem Abschiedsspiel eine gängige Floskel für eine vergebene Chance im Leben eines Argentiniers.

Bezüglich seiner eigenen Trainingsmethoden zeigte er sich bereits vor über zehn Jahren nicht sonderlich avanguardistisch: „Das beste Training gibt dir der Fußballplatz selbst, ginge es nur ums rennen, würden Ben Johnson und Carl Lewis spielen.

Mit ersterem teilt er die Gemeinsamkeit, in die Geschichte des Dopings eingegangen zu sein. Neben mehrmaligem Kokainkonsum, wies man ihm während der Vorrunde der Weltmeisterschaft 1994 die vermeitliche Einnahme von Ephedrin nach. In den Tagen danach äußerte er gegenüber der Presse mehrmals einen Ausdruck der heute zum Wortschatz eines jeden Argentinier gehört: Man hat mir die Beine abgeschnitten, hört man häufig am Río de la Plata, wenn jemandem ein Traum zerstört wird.

Maradona strudelte danach im Drogensumpf und lieferte der argentinischen Klatschpresse Skandale am Fließband. Immer wieder versuchte er sich aufzurappeln, sprach offen über seine Kokainsucht und gelob Besserung. „Der Flipper gibt dir zwei Chips, einen hab ich bereits verspielt„, urteilte er mal über seinen Gesundheitszustand. Aber auch hier verlor Maradona nie die Selbstironie. Grandios, wie er deutlich übergewichtig seine schwindenden Fähigkeiten am Ball kommentierte: “ Letztens habe ich einbißchen Fußball gespielt, aber ich hab‘ weniger Beine als ein Passfoto.“ Ähnlich nach einem Aufenthalt in einer Psychatrie. „In der Klinik gab es einen, der behauptete, er sei Robinson Crusoe. Ich sage, ich bin Diego Maradona und keiner glaubt mir.“

Launisch wie Diego Maradona erscheint, so wurde in den Jahren auch sein Verhalten gegenüber der Presse. Mal gibt er amüsiert stundenlange Interviews, mal schiesst er mit einem Luftgewehr auf die Journalisten. „Ich bin keine Fröhlichkeitsmaschine“ sagte er einst und ebenso „Meine Wut ist meine Motivation.“

Diese Wut, die er zuletzt in Montevideo gegenüber der Presse äußerte, sollte er also in Ansporn für die Weltmeisterschaft in Südafrika umwandeln. Denn schließlich ist für ihn „zur WM zu fahren so schön, wie für einen kleinen Jungen nach Disney zu kommen„. Noch krasser artikulierte er diesen Wunsch an der WM teilzunehmen mit einem weiteren Mutter-Vergleich: „Bei der WM auszuscheiden ist in etwa so, wie wenn man deine Mutter verprügelt und du bist an einen Stuhl gefesselt und kannst nichts tun.

Aber letztendlich wusste Maradona schon früh: „99% der Dinge die über mich geschrieben oder gesagt werden sind Lügen.“ Klar, der Umgang mit der Presse gleicht für ihn oft einem Kampf gegen Windmühlen. Aber Diego Armando Maradona nimmt kein Blatt vor den Mund und kontert den Revolverblättern. Im Zweifelsfall auch unter der Gürtellinie. Denn er weiß: „Ich bin alles, nur nicht falsch.“  Recht hat er. Er ist ein Original.


Die komplette Pressekonferenz nach dem Qualifikationsspiel gegen Uruguay

Viktor Coco

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5 Antworten zu “Diego Maradona, der Sprücheklopfer

  1. 10 oder 12 St. nach der Konferenz gab es schon T-Shirts mit den Sprüche „sigan mamando“ und „que me la sigan chupando“ zu kaufen. Das ist wahnsinnig, oder? Die parole waren vielleicht zu viel, so dass die Leute und die Medien die echte Botschaft allzu einfach, und dazu gern, zur Seite gelassen haben: „ich vergesse nichts“.
    In dieser Antologie fehlt nur eine berühmte Äußerung, die auch ein wichtiger Teil von Maradona darstellt: „Echenlo a Bush“. Seine Liebeserklärungen zu Cuba und Fidel Castro sind auch oft ein Skandal, die man in Europa zu ignorieren versucht.
    Zum Geburtstag, viel Glück, Viktor.

  2. pibe del barrio

    was regen sich überhaupt alle auf, er hat doch verdammt nochmal recht – und die spießer sollen uns alle mal einen blasen !
    abgesehen davon, „no mames“, “ chúpamela“ und ähnliches sind fast genauso häufig zu hören wie hier das beliebte „leck mich“ oder „die können mich mal“.

    danke für den schönen artikel, viktor, endlich mal einer ohne künstliche, allzu deutsche und heuchlerische aufregung. fussball ist von der strasse, euren benimm spart euch auf für wenn die ommi kommt !

    si yo fuera maradona, viviría como el, mil cohetes mil amigos, y lo que venga a mil por cien
    si yo fuera maradona, saldría en mondovision –
    para decirle a la FIFA :
    ellos son el gran ladron !!!

    gracias diego!

  3. Der arrogante „Gockelhahn“ hat nun endlich mal seinen Meister gefunden.
    Wo bleibt denn nun die “ Hand Gottes“?
    Der liebe Gott wird ihm sicher keinen „Blasen“!!!
    Das war aller höchste Zeit diesen dicken Zwerg
    mal auf den Boden zurück zu holen.
    Nun kann er wieder seine Drogen nehmen und
    abkotzen.

  4. Eieieiei der ist mitnichten auch nur halb so Arrogant wie z.B. unser Kaiser und er war mindestens ein dreimal so guter Fußballer.
    Diego hat style (trotz dass Deutschland Weltmeister wird)

  5. Pingback: Ein Orang-Utan im Silvesterstress, Wangenküsse, Läuse und Mitternachtshochzeiten « ARGENTINISCHES TAGEBUCH

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