Sieben Tage Fußball

Wir wollen es demnächst anders angehen und haben anstelle der ausladenden Spielberichte ein etwas knackigeres Format gewählt. In Zukunft wollen wir an dieser Stelle die sieben besten Geschichten der Woche erzählen. Natürlich den argentinischen Fußball betreffend!

Jubelt für die Weltraummaus Topo Gigio

Der derzeit beliebteste Torjubel der Gauchos basiert auf der japanischen Anime-Serie Topo Gigio, mit der sich Generationen von argentinischen Kindern die Nachmittage versüßten.
Urheber ist Román Riquelme, der mit böser Miene einen Großteil seiner Tore der letzten Jahre so feierte. Wenn man mit beiden Händen als riesige Ohrmuscheln geformt sich den Fans entgegenstellt, so ist die Botschaft meist eine kritische. Riquelme forderte einst den ihm gegenüber häufig kritischen Boca-Präsident Mauricio Macri auf, jetzt nach seinem Tor den Mund aufzumachen.

Tevez (s.o.) tat es zuletzt nach seinem Treffer für Manchester City gegen seinen Ex-KlubUnited, als Protest gegen die vorherigen Pfiffe der United-Fans. Auch Gaitán potenzierte nach seinem tollen Treffer am Sonntag gegen Racing als Topo Gigio die akustische Aufnahmefähigkeit seiner Lauscher – und damit bestimmt auch seinen persönlichen Adrenalinspiegel.

Zuvor war es an diesem Wochenende Independientes Torjäger Darío Gandín (s.u.), der in der vergangenen Saison Torjäger der Roten war und in allen Derbys gegen die vier Großen getroffen hatte. Aber dennoch war es immer nur sein Sturmpartner Silvera, der von den Fans mit persönlichen Ovationen beglückt wurde. Gandín äußerte zuletzt etwas neidisch leise Kritik: „Wenn die Tribüne Silveras Namen skandiert, bekomme ich eine Gänsehaut. Das will ich auch“, beklagte er sich im Interview mit Olé und demonstrierte es nach seinem erneuten Treffer beim 2:0 Sieg gegen River Plate fast schon zu deutlich den eigenen Fans. Einige nahmen es ihm fast übel, nur die Haupttribüne dankte ihm bei seiner Auswechslung persönlich.

El Rojo alleiniger Tabellenführer

Nach zahlreichen Rückschlägen in der jüngeren Vergangenheit sind die Fans von Independiente wieder obenauf und preisen das neue Estadio Libertadores de America als uneinnehmbare Festung. Im Laufe der abgelaufenen Apertura eröffnet, verlor man bislang erst ein Spiel im neuen Schmuckstück – gegen den späteren Meister Banfield. Zuletzt gelang gegen den Erzrivalen Racing ebenso ein Heimsieg wie gegen das kriselnde River Plate. Dazwischen konnte man auch noch die Partie beim Club Atletico Tigre für sich entscheiden. Man sollte sich aber auch an die Klatsche bei Velez Sarsfield (0-3) erinnern und diese wird auch der Sportdirektor Cesar Menotti im Hinterkopf haben. Denn er mahnt nicht zu Unrecht:

„Wir spielen nicht gut über 90 Minuten. Wir können besser spielen – wir müssen besser spielen!“

Momentan lebt man von der beeindruckenden Effektivität des Offensivpersonals. Andres Silvera und Dario Gandin sorgten für das Gros der Tore, Ignacio Piatti für die Unterstützung aus dem Mittelfeld und Walter Acevedo für die nötige Sicherheit. Allerdings ist die Abwehr keineswegs sattelfest und auch im Spiel nach vorne gibt es zu oft zu viel Leerlauf. Momentan reicht es aber auch so (-> Effektivität) – auch aufgrund aus vielerlei Gründen schwächelnden Konkurrenz.

Am Wochenende geht es gegen die Chacarita Juniors. Der Abstiegskandidat musste zuletzt wieder zwei bittere Niederlagen einstecken und findet sich damit abermals auf einem direkten Abstiegsplatz wieder. Nach einem guten Start in die Saison konnte man diesen sogar kurzzeitig verlassen.

Bernigol rettet Cholo

Gegen eben jene Chacarita Juniors bewahrte der einstige Knipser vom Hamburger SV, Bernardo Romeo, seinen umstrittenen Coach Diego Simeone vor der drohenden Entlassung bei San Lorenzo. Lange wurde er nicht berücksichtigt und ihm stattdessen jüngere Spieler wie Fabian Bordagaray, Alejandro Papu Gomez oder Emiliano Alfaro vorgezogen. Auszeichnen konnte sich keiner von denen. Nun, im ersten Spiel von Beginn an in dieser Spielzeit, netzte der uneingeschränkte Publikumsliebling in altbekannter Manier gleich zweimal ein. Simeone kann nun erst einmal weiterarbeiten, die Galgenfrist wurde verlängert. Er hat es auch nicht einfach, trainiert er doch einen unmotivierten und wild durcheinandergewürfelten Haufen – vom Potenzial her könnte man locker um die Meisterschaft spielen. Der hochgepriesene Alejandro Gomez spielt nur noch wegen ausgebliebener Angebote beim Traditionsverein. Routiniers wie Cristian Leiva, Nelson Benitez und der aus seinen Wolfsburger Zeiten bekannte Juan Mensequez finden sich allzuoft nur auf der Bank wieder. Winterneuzugang Rusculleda scheint gar für diese nicht gut genug. Bernardo Romeo indes hielt trotz der Querelen im Team und im Umfeld still und vor allem öffentlich zum Trainer. Und das obwohl er unter Simeone bislang einen schweren Stand hatte und kaum zum Einsatz kam. Er nennt den Klub „sein Zuhause“ – dieser ist wichtiger als persönliche Animositäten.

Riquelmes Pläne

Roman will seine Karriere bei den Boca Juniors beenden. Sein Arbeitgeber würde am es am Saisonende nicht sonderlich schwer haben, den Vertrag mit seinem Regisseur zu verlängern. Dennoch: Sollte es zu keiner Einigung kommen wird man sich „umarmen“ und er wird „ohne Probleme woanders spielen.“ Gewährleistet ist es sicherlich nicht, dass er auch in der zweiten Jahreshälfte für die Xeneizes spielt. Schließlich weiß niemand was genau er fordert. Man wird ihm sicherlich nicht mehr das Salär zahlen welches ihm bislang überwiesen wurde. Und sollte das Angebot von Boca weit unter seinen Vorstellungen liegen – ist eine Einigung dann immer noch so „leicht“? In der Sommerpause hatte es Spekulationen um einen Wechsel zu den Corinthians um Ronaldo und Roberto Carlos gegeben. Der brasilianische Spitzenklub hat im 100. Jahr seines Bestehen personell kräftig nachgelegt und wollte auch den routinierten Argentinier verpflichten. Als Saisonziel wird nichts weniger als der Gewinn der Copa Libertadores proklamiert.

Boca ist indes weit von derartigen Vorhaben entfernt. In der Liga läuft nichts zusammen. Zwar spielt man oft nicht schlecht, doch grad in der Defensive offenbart man einige Schwächen die die Mannschaft allzuoft um ihren verdienten Lohn bringt. So auch im Verlauf der letzten Woche. In einem furiosen Spiel bei Velez Sarsfield erreichte man trotz einer 3-1 Führung „nur“ ein 4-4 und im Clasico gegen den Racing Club setzte es gar eine 1-2-Heimpleite. Im Klassement belegt man einen ernüchternden 17. Rang und ist sogar noch schlechter platziert als der große Rivale River Plate. Damit genügt man den hohen Ansprüchen der Fans und Verantwortlichen natürlich in keinster Weise. Trotzdem mahnt Roman zur Geduld: Im Team stünden etliche junge Spieler die dem hohen Erwartungsdruck noch nicht standhalten könnten und die sich wohl noch erst die Gewinnermentalität Boca aneignen müssten.

Am Wochenende wird man beim Club Tigre eine weitere Möglichkeit zur Rehabilitation bekommen. Der Zug gen oberes Tabellendrittel wäre bei einem abermaligen Mißerfolg wohl endgültig abgefahren.

Copa-Verpflichtungen

Für zwei argentinische Vereine geht es in dieser Woche in der Copa Libertadores weiter.

Die Estudiantes aus La Plata müssen bei Bolivar La Paz antreten. Für die Platenser wird auch wieder Juan Veron mit von der Partie sein. Er hatte wegen des Länderspieles gegen Deutschland nicht an den Ligaspielen seines Teams teilgenommen. In den Spielen bei den Argentinos Juniors (0-1) und gegen Lanus (0-0) wurde ohne den Routinier kein Sieg eingefahren. Veron feiert am Tag des Spieles gegen die Bolivianer seinen 35. Geburtstag und wird seine Mannschaft sicherlich dahingehend einschwören, dass man die peinliche Niederlage bei der Alianza Lima (4-1) vergessen macht. Im Hinterkopf wird er auch die Niederlage Argentiniens gegen die bolivianische Nationalmannschaft haben – in der Höhe von La Paz nahm diese den hohen Favoriten nach allen Regeln der Kunst auseinander. Es kommt noch erschwerend hinzu, dass die Gastgeber mit dem Rücken zur Wand stehen und zum Erfolg verdammt sind. Nach zwei Niederlagen in den ersten beiden Gruppenspielen stünde man mit einer weiteren Niederlage wohl vor dem sicheren Aus. Aufgrund dessen werden die Argentinier mit ihrer Bestbesetzung auflaufen. In der Höhe von ca. 3500 Metern wäre ein frühes Tor ebenso förderlich wie eine solide Abwehrleistung.

Banfield kann indes  gegen Nacional Montevideo einen großen Schritt in Richtung Achtelfinale machen. Die ersten beiden Gruppenspiele konnte man siegreich gestalten und sollte dies gegen die Uruguayos auch gelingen hätte man sich bereits ein beruhigendes Polster erarbeitet. Für das Spiel am Mittwoch schonte Trainer Falcioni am Wochenende sein Stammpersonal. Die Partie gegen den Abstiegskandidaten Tucuman bestritt man mit der kompletten zweiten Garde und erreichte dennoch ein torloses Remis. Unter der Woche gegen den Club Colon aus Santa Fe testete er seine erste Garnitur und bestand auch diesen Test: Das Heimspiel wurde mit 3-1 gewonnen und vor allem der junge Kolumbianer James Rodriguez wusste wieder einmal zu gefallen. Gegen seinen Ex-Klub konnte auch Stürmer Ruben Ramirez zweimal einnetzen. Somit ist man nicht nur in der Copa Libertadores gut im Geschäft – auch in der heimischen Liga hält man den Anschluß zur Tabellenspitze.

Zahlenwerk

Tabelle der Clausura:

Der 17. und 18. müssen gegen den 3. bzw. 4. der Primera Division in der Relegation antreten. 19. und 20. steigen direkt ab.

  • Andres Silvera (Independiente) führt momentan gemeinsam mit Martin Palermo (Boca) die Torjägerliste an (je 6 Tore).
  • Die meisten Assists spielten bislang Roman Riquelme, Diego Morales (Chacarita) und Patricio Toranzo (Huracan) (je 4).
  • Velez Sarsfield ist die unfairste Mannschaft.
  • die zwei Gesichter von Tigre: in der Heimtabelle auf dem vorletzten Platz führt man die Auswärtstabelle an.
  • Tucuman und Rosario Central sind immer noch sieglos.

Der nächste Spieltag:

  • 12.03.2010 – 23:00 Uhr – Velez – Lanus
  • 13.03.2010 – 01:10 Uhr – Godoy Cruz – Tucuman
  • 13.03.2010 – 21:00 Uhr – Chacarita Jrs. – Independiente
  • 13.03.2010 – 23:10 Uhr – Estudiantes – Newell’s Old Boys
  • 13.03.2010 – 23:10 Uhr – Colon – Gimnasia La Plata
  • 14.03.2010 – 01:15 Uhr – Banfield – Arsenal
  • 14.03.2010 – 21:00 Uhr – River Plate – Huracan
  • 14.03.2010 – 21:00 Uhr – Rosario Central – San Lorenzo
  • 14.03.2010 – 23:10 Uhr – Tigre – Boca Jrs.
  • 15.03.2010 – 01:15 Uhr – Racing Club – Argentinos Jrs.

Oscar für den argentinischen Fußball

Dass der argentinische Film zu den besten Lateinamerikas zählt, dürfte einigen Cineasten auch in Europa bekannt sein. Jetzt gewann sogar der Streifen „El secreto de sus ojos“ den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film.
Es ist bereits das zweite Mal das dieser prestigeträchtige Preis an eine argentinische Produktion verliehen wurde und kaum hatte Regisseur Juan José Campanella seine Dankesrede gehalten, entfachte in seiner Heimat die Diskussion, welche Verein sich denn nun wohl den Oscar 2010 auf den Briefkopf drucken könnte. Campanella, bekennender Fan von River, steht Eduardo Sacheri gegenüber, der fanatischer Anhänger von Independiente ist und sowohl den grundlegenden Roman sowie das Drehbuch des Films verfasste.
Ebenso feiern sich die Fans von Racing selbst, da eine fantastische Szene – zugeben technisch bearbeitet- ihre Gesänge bei einem fiktiven Auswärtsspiel gegen den C.A. Huracán in dessen Stadion Tomás Ducó zeigt.

Die Antwort von Racings Rivalen Independiente lies nicht lange auf sich warten: „Oscar für die besten Special Effects: Racing Club – Das einzige Mal, dass ihr eine Tribüne füllen konntet, war dank einer Computeranimation“, lästert man seit Sonntagnacht auf der anderen Straßenseite in Avellaneda.

Viktor & Christof

4 Antworten zu “Sieben Tage Fußball

  1. Das neue Format ist cool, allerdings ist ein Fehler drin: Die Estudiantes haben in der Copa Libertadores erst ein Spiel verloren und das andere gegen Alianza gewonnen.

  2. christofscha

    Ja, aber die gastgebenden Bolivianer stehen mit dem Rücken zur Wand.😉

  3. der vorstand centrals ist das beste beispiel für unfähigkeit. den besten stürmer, den besten mittelfeldspieler abgeben und nicht adäquat ersetzen. was will er mit den transfererlösen machen? ich glaube kaum, dass lucho allein so teuer war. jetzt wird sogar die relegation knapp, einfach unfassbar.

    der spruch der independiente-fans ist echt gut.🙂
    natürlich noch vielen dank für die tollen berichte!

  4. „C.A. Huracán in dessen Stadion Tomás Ducó“ – diese Szene ist einfach Genial …. da hüpft mein Herz🙂

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