Sieben Sach- und Klatschgeschichten

Der siebte Spieltag brachte gleich drei Trainerwechsel in Argentinien. Neben den Spielberichten und Statistiken zu allen Spielen, haben wir wie gewohnt eine Topelf zusammengestellt. Außerdem betrachten wir den Abgang von Manager Menotti bei Independiente und die Wechsel der Übungsleiter bei Huracán und Colón. Leider berichten wir auch mal wieder über Gewalt in und um argentinische Stadien und setzen last but not least unsere einzigartige Serie über argentinische Fangesänge fort.

1. Der siebte Spieltag im Rückblick

Tore: 30 Video
Karten: 52 total, 45 gelbe, 7 rote

Gimnasia – Huracan 3:0 Video
Gimnasia hat es endlich geschafft! Der erste Dreier der Saison wurde gegen ein schwaches Huracan eingefahren. Spieler des Abends war der alles überragende Hernan Encina, Doppeltorschütze und ständiger Antreiber im Spiel der Gastgeber. Sein erster Treffer zum zwischenzeitlichen 2-0 war besonders schön anzusehen – ein herrlicher Lupfer über den Torwart aus gut 20 Metern.

Racing – Lanús 4:0 Video
Das zweite Spiel am Freitagabend endete überraschenderweise deutlich klar. Die Gastgeber aus Avellaneda überrollten förmlich die Gäste aus Lanús und durften endlich wieder einmal einen Sieg feiern. Das Spielgeschehen war bis vor dem ersten Tor ausgeglichen. Zwei nervöse Mannschaften suchten ihr Heil in der Offensive, während beide Abwehrreihen nicht sicher standen. Racing ging nach einem Standard etwas glücklich, aber nicht unverdient in Führung, im Anschluss verloren die Gäste ihre Nerven. Kurz vor dem Seitenwechsel schickte der Unparteiische erst Kapitän Pelletieri vom Platz, zwanzig Minuten später folgte Mitspieler Lugo. In Unterzahl zeigte allen voran Sebastian Blanco zwar eine gute kämpferische Leistung, die sich bietenden Freiräume wurden von der Academia jedoch dennoch ausgenutzt. Giovanni Moreno traf per Elfmeter zum ersten Mal in dieser Saison, daneben glänzte er als zweimaliger Vorlagengeber.
Ein ganz wichtiger Sieg für den Traditionsklub und vor allem für Trainer Miguel Russo, der nach der Niederlagenserie von vier Spielen etwas in die Kritik geriet.
Eine kleine Randnotiz: Zum ersten Mal in dieser Saison spielte Racing mit nur einer Spitze und traf dabei gleich viermal ins Schwarze.
Lanús hingegen hat neben dieser deutlichen Klatsche auch noch seine beiden Stürmer Salcedo und Regueiro verletzungsbedingt verloren. Ganz schnell abhaken und weiter geht’s!

San Lorenzo – Olimpo 3:1 Video
San Lorenzo marschiert unaufhaltsam weiter. Es war kein glanzvoller Sieg, jedoch setzt sich el Ciclon nach einer ordentlichen Leistung an die Tabellenspitze und grüßt nun die Konkurrenz von ganz oben. Erneut sorgten die Verteidiger für die wichtigen Tore. Kapitän Tula markierte bereits seinen dritten Saisontreffer und der in den letzten Wochen überragende Bottinelli bot auch heute wieder eine absolute Klasseleistung, die er sich mit seinem Siegtreffer selbst veredelte.
Einziger Wermutstropfen: Cristian Tula musste nach gut einer Stunde verletzungsbedingt ausgewechselt werden. Gestern stellten die Ärzte dann einen Muskelfaserriss fest: Der Kapitän fällt etwa einen Monat aus und muss sich somit das Topspiel gegen Estudiantes – am 9.Spieltag – von der Tribüne aus anschauen.

Godoy Cruz – Tigre 1:2 Video
Godoy Cruz verliert unglücklich drei sicher geglaubte Punkte. David Ramirez, das Herz der Mannschaft, sorgte mit einem schönen Schuss für die knappe Pausenführung. Die zweite Hälfte wurde dann schlicht verschlafen. Beim Ausgleich wirkten die Verteidiger zu hölzern und passiv, das Siegtor für Tigre fiel unter gütiger Mithilfe von Torwart Ibáñez, der bei einer Ecke patzte. Die beste Offensive der Liga zündete nicht so recht und fand in Tigres Schlussmann Ardente zu oft seinen Meister. Insgesamt ein sehr schmeichelhafter Erfolg für Tigre.

Quilmes – Argentinos 2:2 Video
Was ein Spiel, was ein Drama. Beide Mannschaften wollten und mussten ihren ersten Saisonsieg klarmachen. So entwickelte sich von Beginn an eine sehr muntere Partie, die sich von der Spielintensität her von Minute zu Minute steigern sollte. Während im ersten Durchgang keine Tore verzeichnet werden konnten, überschlugen sich im zweiten Durchgang geradezu die Ereignisse. Erst gingen Argentinos Juniors in Führung, keine zwei Minuten später dezimierte sich der Gastgeber durch eine Ampelkarte selbst. Die Heimfans erahnten bereits nichts gutes, umso größer war jedoch der Jubel, als der kurz davor eingewechselte Diego Torres per Flugkopfball zum Ausgleich traf. Eine Viertelstunde vor Ende der Partie flog dann auch noch Santiago Hirsig vom Platz: Quilmes nun nur noch mit 9 Mann auf dem Feld, selbst der eine Punkte schien nun in große Gefahr zu geraten. Jedoch kam es wieder anders als man dachte. Zwei Minuten nach dem erneuten Platzverweis traf Sturmtank José Morales für Quilmes zur viel umjubelten Führung – unglaublich: Erneut treffen die Hausherren in Unterzahl! Die Gastgeber verschanzten sich im Anschluss in ihrem Sechzehner und der amtierende Meister schmiss alles nach vorne und drängte auf den Ausgleich. In der dritten (und letzten) Minute der Nachspielzeit drückte Berardo dann doch noch die Kugel über die Linie – 2:2, der Schlusspunkt einer total verrückten Partie!

Arsenal – Velez 0:0 Video
Das vermeintliche Topspiel wurde wie bereits schon häufiger in dieser Spielzeit den hohen Erwartungen nicht gerecht. In einem zähen Spiel sorgten die Torleute Barovero (Velez) und Campestrini (Arsenal) mit starken Leistungen dafür, dass keine Tore erzielt wurden. Im Meisterrennen hilft dieses Unentschieden natürlich weder dem einen noch dem anderen weiter.

All Boys – Estudiantes 2:1 Video
Die Aufsteiger schocken den Titelanwärter mit einer guten und engagierten Mannschaftsleistung und gewinnen letztlich verdient. Die Estudiantes aus La Plata verlieren zum ersten Mal in dieser Saison und können das Remis der beiden Kontrahenten nicht ausnutzen. Pikant dabei: Die Torschützen Domínguez und Grazzini sind beides Ex-Spieler der Pincha.

Newell’s – River 1:0 Video
Torschütze Borghello brachte la Lepra bereits nach zehn Minuten auf die Siegerstraße. Von diesem frühen Rückstand konnte sich River nie so recht erholen und zeigte keine gute Leistung. Die Truppe aus Rosario spielte die restliche Spielzeit abgezockt runter, bei den wenigen Chancen die man zuließ, konnte man sich auf den gut aufgelegten Peratta zwischen den Pfosten verlassen. Darüber hinaus überzeugte erneut das Duo Formica und Sperdutti im Mittelfeld der Lepra. River Plate ist nun seit acht Spielen in Folge außerhalb der Hauptstadt ohne Sieg.

Banfield – Independiente 4:0 Video
Banfield zerlegte ein erschreckend schwaches Independiente in seine Einzelteile. Der Gastgeber spielte befreit auf und eine glänzend aufgelegte Offensivreihe zeigte den bemitleidenswerten Gästen schnell deren Grenzen auf. Independiente präsentierte sich in einer ganz schlechten Form, so dass man nach Spielschluss damit rechnen musste, dass Trainer Garnero wohl nicht mehr auf die Trainerbank der Roten zurückkehren wird.  Gelingt im nächsten Spiel kein Sieg, ist der schlechteste Start der Vereinsgeschichte perfekt. Banfield hingegen platziert sich im Meisterkampf und befindet sich nun mit nur zwei Punkten Rückstand in Schlagweite zum Spitzenreiter aus Almagro.

Boca – Colon 3:1 Video
Oldie Palermo trifft wie er will! Nachdem er bereits letzte Woche zur großen Form auflief, ließ er diese Woche die Gala folgen. Gleich dreimal ließ es der Rekordtorschütze krachen, dabei war sein erster Treffer technisch ganz fein gemacht – die Anhängerschaft der Xeneizes verneigte sich vor ihrem Liebling, auch wenn dieser im weiteren Spielverlauf einen Elfmeter über die Latte ballerte. Boca insgesamt mit einer ganz starken Leistung, Colon konnte gegen eine kompakte Heimmannschaft nur wenig Gegenwehr leisten.
Die Boca Juniors wollen wieder oben mitmischen. Dank einer hervorragenden Mannschaftsleistung rückt man bis auf fünf Punkte an die Spitzengruppe ran. Darüber hinaus meldete sich diese Woche die schmerzlich vermisste 10 zurück auf dem Trainingsgelände. In zwei bis drei Wochen soll Roman Riquelme wieder das Spiel der Bocas lenken. Bis dahin gilt es den Anschluss nach oben nicht zu verlieren! Angesichts der zuletzt gezeigten Leistungen stehen die Chancen dafür recht gut.

Spieler der Woche: Martin Palermo
„Es torpe fuera del área y genial dentro de ella” – DT Claudio Borghi über Martin Palermo, der außerhalb des 16ers ungelenk und trottelig agiere, innerhalb jedoch ein absolutes Genie sei.

(Andreas)

2. Die Top-11 des siebten Spieltages

Marcelo Barovero (Velez, 1. Berufung) - Matias Caruzzo (Boca, 2), Jonathan Bottinelli (San Lorenzo, 3), Eduardo Dominguez (All Boys, 2) - Hernan Encina (GELP, 2), Diego Mateo (Newell's, 1), Ariel Rosada (Banfield, 1), Ribair Rodriguez (Tigre, 1) - Giovanni Moreno (Racing, 1) - Palermo (Boca, 2), Zelaya (Banfield, 1)

(Andreas)

3. Bei Independiente treten Trainer Garnero und Manager Menotti zurück – der endgültige Abschied einer Legende?

Null Siege, nur drei Punkte nach sieben Spielen, das ist die miserable Startbilanz des Traditionsvereins aus dem Süden der Hauptstadt. Jetzt rollten bei Independiente Köpfe. Der junge Trainer Garnero kann einem eigentlich nur Leid tun. Als Urgestein des Klubs beerbte er einst als Spieler den großen Ricardo Bochini, scheiterte aber beim Sprung vom Jugend- zum Profitrainer. Ebenso trat César Luis Menotti zurück, der seit über einem Jahr bei Independiente die für argentinische Vereine unübliche Machtposition eines Managers innehatte.

„Das europäische Modell ist gescheitert“, urteilte das Fachblatt Olé über den Doppelrücktritt. Menotti hatte sich Ende des vergangenen Torneo Clausura gegen eine Weiterbeschäftigung des beliebten Trainer Tolo Gallego ausgesprochen und den Nachwuchstrainer Garnero installiert. Zudem ist Menotti wohl auch für die katastrophale Transferpolitik der Roten verantwortlich zu machen. Es wurde Durchschnitt eingekauft  und außerdem traten bei Verkäufen nach Europa mal wieder kuriose Diskrepanzen bei den Angaben der Transfersummen zwischen den zahlenden Klubs und Independientes Führung um Präsi Julio Comparada auf.

Menotti, der in den 60er Jahren seine Laufbahn bei Rosario Central begann, dann u.a. bei Santos zwei Jahre neben Pelé spielte und später auch in New York anheuerte, ist der Fußballwelt vorallem als Trainer bekannt. Er gewann als Coach die Weltmeisterschaft im eigenen Lande 1978 und trainierte danach zahlreiche Vereine in Argentinien, Mexiko, Uruguay, Spanien und Italien. Dabei ist seine Bilanz allerdings nicht als sonderlich erfolgreich zu beurteilen. In der Theorie als Fan der Offensive berühmt, veröffentlichte er mit Angel Cappa das Buch Fútbol sin trampa. Dreimal war er zwischen 1996 und 2005 ohne nennenswerte Erfolge Trainer von Independiente, verließ einmal sogar als Meisterschaftsanwärter wenige Spieltage vor Schluß seine Mannschaft, um dem Ruf von Sampdoria Genua zu folgen – um auch dort zu scheitern. 2009 kehrte er  70jährig als Manager zu Independiente zurück und wurde vom Präsidenten Comparada mit zahlreichen Autoritäten ausgestattet. Wenngleich seine Fußball-sozialpolitischen Analysen weltweit beliebt und unumstritten sind, bröckelt in der Heimat in letzter Zeit sein Ansehen stark. Mit der überhasteten Entlassung von Gallego und der Installation von Garnero vergalloppierte er sich, auch wenn er dieser Tage die alleinige Verantwortung für beide Entscheidungen von sich weist. Für die Nachfolge von Daniel Garnero ist übrigens ebendieser Gallego erster Kandidat. Ob allerdings el flaco (der Dünne) Menotti nochmal auf die Bühne des Fußballs zurückkehrt, darf stark bezweifelt werden.

(Viktor Coco)

4.  Weiterer Wechsel auf der Trainerbank von Huracán

Auch Huracán hat sich von seinem Trainer Hector Rivoira getrennt. Doch nicht der einigermaßen verhaltene Start wird als Hauptgrund angeführt sondern vielmehr das schwierige Verhältnis zur Anhängerschaft – zu groß waren die Fußstapfen des weitaus beliebteren Ángel Cappa. Dieser hatte mit dem Globo im Frühjahr 2009 den Gewinn der Clausura nur knapp verfehlt, begeisterte die Fans allerdings mit einer spektakulären Spielweise. Um diese anbieten zu können konnte Cappa aber auf qualitätiv hochwertiges Personal zurückgreifen während Rivoira, nachdem er das Ruder Mitte September 2009 übernahm, mit einem Rumpfkader annehmbare Ergebnisse einfahren konnte. Einem Großteil der kritischen Anhängerschaft war das wohl nicht genug. Und da es in Kürze Vorstandswahlen geben wird beim Klub aus dem Hauptstadtviertel Parque Patricios blieb dem Präsidenten Carlos Babington und dem einsichtigen Trainer Rivoira keine andere Möglichkeit als von nun an getrennte Wege zu gehen. Seine Nachfolge wird wohl Miguel Brindisi, seines Zeichen bekennender Fan des Globo, antreten. Der einstige argentinische Auswahlspieler und Trainer von diverser Vereine Lateinamerikas (u.a. Barcelona Guayaquil, Atlas Guadalajara oder Boca) wird das Rad neu erfinden müssen um mit seinem neuen Team erfolgreicher zu sein als sein Vorgänger.

(Christof)

5. Kulttrainer Mohamed tritt bei Colón de Santa Fé ab

Ungleich beliebter war hingegen Antonio Mohamed bei den Fans von Colon. Er übernahm die sportlich darbenden Santafesinos vor zweieinhalb Jahren und formte peu a peu ein recht erfolgreiches Team. Doch die sportliche Entwicklung im Jahre 2010 mit einer durchwachsenen Clausura und dem schwachen Start in die laufende Apertura veranlassten ihn zum sofortigen Rücktritt. Seine Spieler und der Vorstand hatten noch versucht ihn umzustimmen und vieles deutete darauf hin, dass er auch noch im kommenden Heimspiel noch auf der Trainerbank sitzt. Doch nach dem  Gespräch mit Präsident Lerche die Wende: Mohamed trat mit sofortiger Wirkung zurück – zu wichtig seien die anstehenden Begegnungen für Colon.  El Turco gefiel mit seiner hohen Emotionalität und Identifikation mit dem Verein. Einen Rekord hat er zudem inne: 96 Spiele betreute er die Sabaleros und überbot damit die Bestmarke von Edgardo Bauza (77) locker. Eine Rückkehr schließt er auch gar nicht aus – zu gegebener Zeit könnte er sich ein weiteres Engagement vorstellen. Als potenzielle Nachfolger sind Jorge Fossati, Diego Simeone und Fernando Gamboa im Gepräch.

Beim Zweitligisten Defensa y Justicia hat derweil Jorge Bermudez das Ruder übernommen. Der ehemalige kolumbianische Nationalspieler spielte einst für die Boca Juniors, sein erstes Engagement als Trainer bei America de Cali war weniger von Erfolg gekrönt.

(Christof)

6. Eine neue Welle der Gewalt in der argentinischen Fanszene

Kaum vergeht eine Woche im argentinischen Fußball ohne Meldungen über neue Brandherde in der Fanszene. Interne Machtkämpfe, Konfrontationen zwischen Anhängern verschiedener Klubs und sogar eine Schlägerei bei einer Beerdigung sind die traurige Bilanz dieser Tage.

Bei Newell’s in Rosario ist seit dem Abgang des despotischen Präsidenten Eduardo López die Führung der Hinchada umkämpft. Immerwieder versuchen Mitglieder der 2008 quasi mit abgewählten Fraktion die Führung auf der Tribüne gewaltsam zurückzuerobern. Beim Heimspiel gegen Independiente vor drei Wochen kam es zu einer Prügelei auf der Tribüne, bei der der aktuelle Capo „der Bäcker“ Ochoa mit einer Messerattacke vom Wellenbrecher gestürzt wurde. In der letzten Woche kam es zu einer Konfrontation in der Nähe des Stadion, zwischen der Gruppe des abwesenden Ochoas und der „Opposition“, bei der Steinwürfe und Pistolenschüsse ausgetauscht wurden. 30 Festnahmen, 29 sofortige Freilassungen…

Zu allem Überfluß meldet sich nun auch der scheinbar kultige Hooligan el loco Demente (der verrückte Geisteskranke) zurück und versuchte vor dem letzten Heimspiel mit einer Gruppe von 50 Leuten auf die Tribüne zu kommen. Ihm versagte die Polizei aber den Einlass.

Ähnliche Auseinandersetzungen gibt es seit Jahren bei der Hinchada von Estudiantes de la Plata. Auch dort streiten teilweise bis zu drei Fraktionen um die lukrative Macht auf der Tribüne. Jetzt kam es aber zu einem offenen Schlagabtausch mit Anhängern von All Boys im Vorfeld des Auswärtsspiel des Pincha beim Aufsteiger. Vor den Spieltagen in der Fußballhauptstadt haben die Polizisten meist alle Hände voll zu tun, wenn sie mit Stadtplänen und Anstoßzeiten ausgestattet versuchen, die verschiedenen Anfahrtswege der Buskarawanen der Barra Bravas tunlichst nicht kreuzen zu lassen. Ein durchaus schwieriges Unterfangen bedenkt man, dass an manchen Wochenenden durchaus ein Dutzend Anhängerschaften verschiedener Vereine auf den Beinen sind.

Dieses Konzept scheiterte am vergangenen Sonntag, als Anhänger von Estudiantes sich wenige Blocks vom Stadion in Floresta plötzlich mit Fans von All Boys konfrotiert sahen. Es kam zu keinem direkten Kampf, aber Wurfgeschosse flogen durch die Luft und beschädigten zahlreiche Autos und Wohnhäuser. Reporter der argentinischen Klatschzeitung Crónica schossen aber ein beängstigende Foto, das dieser Tage durchs Land ging und zwei bewaffnete Barras verschiedener Generationen in Angriffslaune zeigt. Laut Olé handelt es sich beim älteren Herr sogar um einen Polizisten in Zivil, der sich mit der Barra von Estudiantes verbündet hat.

Die traurigste und gleichzeitig bizzarste Geschichte der Gewalt ereignete sich vergangene Woche im Umfeld des Viertligsten El Porvenir. Mit dem Leichenumzug eines krankheitsbedingt verstorbenen Fan von Porve fuhr man beim Training der ersten Mannschaft vor, damit die Spieler dem Fan am Sarg einen letzten Gruß aussprechen sollten. Ein Teil der Trauergemeinschaft bestand aber aus dem harten Kern der Barra Brava des Klubs aus Gerlí und beschimpfte, betrunken  und unter Drogeneinfluss, Spieler und Trainer für die schlechten Leistungen. Es wurden zahlreiche Vereinsutensilien gestohlen und auch Spieler auch physisch angegriffen, wobei  Nico Marquievich mit einem Motorradhelm geschlagen wurde und eine Kopfverletzung davontrug. Der erst 15jährige gilt als hoffnungsvolles Talent und trainiert deshalb bereits mit der ersten Mannschaft.

Ein Leichenwagen auf dem Spielfeld, ein Sarg mitten in den Tumulten eines Angriffs von Hools auf die eigenen Spielern, keine Festnahmen. Eine weitere absurde Anekdote der argentinischen Fangewalt.

(Viktor Coco)

7. Argifutbol stellt Fangesänge vor, Teil VI: Freude für mein Herz

Letzte Woche waren wir mit Rubén Rada melodisch ziemlich fluffig unterwegs, auch wenn die verschiedenen Textversionen der argentinischen Fans gewohnt sentimental waren.

Diese Woche quetschen wir hoffentlich auch den härtesten eine Träne aus dem Auge, wobei uns der argentinische Liedermacher Fito Páez aus Rosario mit seinem absoluten Herzensbrecher-Song Dale alegría a mi corazón zur Seite steht. Auch wenn der romantische Text großen Interpretationsrahmen bietet, ist die Verbindung zum Fußball Páez 1990 quasi aus der Füllfeder aufs Papier geflossen. Das Lied vom siebten von bis heute 21 Alben Tercer Mundo wurde wohl von Páez in Ehren an Diego Maradona verfasst.

Beim Text halten sich die meisten hinchadas an den original Refrain und fordern vehement, dass ihre Mannschaft an diesem Tage ihnen doch (mit einem Sieg) Freude bereiten solle. Dazu kommt eine Erinnerung, dass z.B. die Copa Libertadores das größte Ziel ist, um welches es zu erringen, man „Eier und Herz“ zeigen muss. In Bocas Bombonera klingt das natürlich besonders gut, weil die bosteros in der Schlusszeile auch noch mal klarstellen, dass sie nicht „wie die Stricher von River Plate“ sind.

Angesichts der Tatsache, dass San Lorenzo als einziger der Big Five in Argentinien noch nie die Libertadores gewinnen konnte, ist dessen Forderung nach dieser ewigen Passión natürlich eine besondere. Die Anhänger des ciclón legen mit ihrem Drang nach Individualismus noch einen drauf und unterstreichen in diesem Lied deshalb zusätzlich, dass man bald sehen werde, dass es hier sich „weder um Boca noch River Plate“ handele.

Auch in niederen argentinischen Ligen wurde dieses Lied von Fito Páez übernommen, so wie hier bei den Fans von Los Andes aus Lómas de Zamora, wobei wir auch nach mehrmaligem genauen Hinhören nicht auschliessen können, dass sie nicht doch singen: „… no somos como los putos de la SPD“.

Weniger politisch, aber mit der Präzision eines Polizeiberichts haben die Fans von Racing diesen Gesang auf eine einzige Auseinandersetzung mit den Fans ihres Rivalen Independiente gedichtet. Den Originaltext kann man im Video der Guardia Imperial lesen, deshalb liefern wir nur die deutsche Übersetzung:

„Und gib und gib meinem Herzen Freude,
die Roten schossen weil sie Angsthasen sind!
Sie sagten, dass sie im Bajo Flores rocken wollten,
und am Ende sind sie zum Walmart gerannt!
Was soll man machen?
Wenn dir die Kugeln ausgehen wirst du laufen gehen!
So bist du, die Roten klingelten bei den Wohnblocks!“

Vermutlich werden die Ereignisse einer (vielleicht) verabredeten Schlacht mit den roten Fans von Independiente abgehandelt, die aber kurioser Weise im Bajo Flores, Stadtviertel in dem sich das Stadion von San Lorenzo befindet, zutragen sollte.

San Lorenzo ist hier wohl auch indirekt mit der Bezeichnung ‚Walmart‘ gemeint (Walmart ist wie Carrefour eine Supermarktkette – was das mit San Lorenzo auf sich hat kann man hier gaaanz unten nachlesen). Wenn man dem Chant von Racing glauben schenken darf, verzogen sich schliesslich die Fans von Independiente in eine Hochhaussiedlung.

Die Anhänger der roten Fraktion aus Avellaneda haben zur Melodie von Dale Alegría a mi corazón einen eigenen Text geschaffen:

En mi vida hay una cosa que solo le pido a dios,
que el rojo vaya conmigo hasta el cajón!
Y vayas a donde vayas yo voy con vos,
y Racing andá  a la puta que te parió!
Yo soy asi, y gritando que te quiero voy a morir!“

Zu übersetzen wie folgt:

„In meinem Leben gibt es nur eine Sache, um die ich Gott bitte,
dass der Rote mich bis in den Sarg begleitet!
Und wohin auch immer, ich komme mit dir,
und Racing verpiss dich zur Nutte, die dich auf die Welt brachte!
So bin ich. Und schreiend, dass ich dich liebe, werde ich sterben!“

Das ganze sieht im rundum erneuerten Estadio Libertadores de America so aus und man kann sich angesichts dieser Aufnahmen nur darauf freuen, dass die Bauarbeiten endlich fertiggestellt werden damit das gesamte Stadion für die Zuschauer zugänglich ist.

Ach ja, natürlich hat es auch dieser Fangesang auf andere Lateinamerikanische Tribünen gebracht. Das klappt diesmal in Chile sogar besonders gut, wenn Colo Colos La Garra Blanca von der „Ehre Copa Libertadores“ singt.

(Viktor Coco)

4 Antworten zu “Sieben Sach- und Klatschgeschichten

  1. Hallo,
    bin relativ unbedarft im argentinischen Fußball, kann dir aber nur ein großes Kompliment für deine Arbeit aussprechen.
    Zwei Fragen eines Unwissenden:
    1. Es ist die Rede davon, dass das europäische Modell bei Independente gescheitert ist. Was würde man denn als klassiches argentinisches (resp. lateinamerikanisches?) Modell bezeichnen?
    2. Um was genau konkurrieren die Fangruppen? Du benutzst ja den Begriff „lukrative Macht“? Was genau ist damit gemeint?

    Würd mich über etwas Aufklärung freuen:)
    Grüße

  2. Sau stark eure serie mit den fangesängen, freue mich jede wohe wieder über die videos und denke an gemeinsame abende in avellaneda. Vor allem die gesänge aus den unteren ligen finde ich cool, beeindruckend mit was für einer leidenschaft und anzahl von leuten die mannschaften da unterstützt werden.

  3. @Gerner:

    Als klassisches Modell in Argentinien versteht man wohl den allmächtigen Präsidenten und einem Trainer (in Argentinien technischer Direktor), der in Abstimmung mit ersterem alle sportlichen Belange regelt.

    Die führende Fangruppe kontrolliert bei einigen Klubs Teile des Ticketings, des Merchandising oder kassiert schlicht Parkgebühren.

  4. Pingback: 7 argentinische Fußballnews | Fußball auf Argentinisch

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