Argifutbol stellt Fangesänge vor, Teil IX: In den Gassen der Villa erzählt man sich…

In der letzten Wochen verzichteten wir auf unsere Kolumne über argentinische Stadionlieder wegen des Todes von Nestor Kirchner. Nun geht es aber in die 9. Runde, wobei wir die Serie zur Cumbia fortsetzen. Aber heute geht es um ein besonderes Subgenre, zu dem selbst Kirchner 2004 sich überraschend positiv äußerte: Cumbia villera auf argentinischen Tribünen.

Die Cumbia villera enstand Ende der 90er Jahre im Großraum Buenos Aires und beschreibt einen besonderen Stil „aus der Villa“, also aus den Armenvierteln der Metropole. Die Villera charakterisiert sich durch den typischen Rhythmus der Cumbia, wobei sie durch den Einsatz von einfachen Synthezisern elektronisch klapprig erscheint. In den ersten Jahren dieses Milleniums erreichte die Villera ihre höchste Popularität. Während sie von der unteren Mittelschicht abwärts vergöttert wird, wurde sie lange Zeit von großen Teilen der restlichen Bevölkerung mit Abscheulichkeit abgelehnt.

En los pasillos de la villa se comenta… („In den Gassen der Villa erzählt man sich…“); so beginnt der Hit Cumbia Villera von Yerba Brava, der das aufstrebende Genre quasi taufte. Selbst große Fußballfans, widmeten sie mit La Cumbia de los Trapos eine Hommage allen argentinischen Fangruppierungen.

Aber zahlreiche andere Lieder wurden natürlich von verschiedensten Hinchadas adaptiert und stadiontauglich ungedichtet. Los Pibes Chorros singen „Tano pastita„, wobei sich die Pointe des Songs um die traurige Doppeldeutigkeit des Wortes pasta (Teig-ware, Gebäck; pasta base – Crack) dreht. Die immerwieder bewundernswerten Fans von Newell’s Old Boys aus Rosario bewegen sich im selben thematischen Feld, wenn sie singen: „Der Wein und die Drogen blasen mir das Gehirn weg“. Später in diesem Gesang werden sie nahezu politisch, wenn sie ankündigen, alle Militärs umzubringen; und natürlich auch alle Anhänger ihres Rivalen Rosario Central.

Es geht aber auch deutlich romantischer in der Cumbia Villera, bei Nestor en Bloque zum Beispiel. Nestor, selbst Anhänger von San Lorenzo und häufig mit Trikot auf den Konzertbühnen, haucht in die Mikrophone, dass nur eine Straße ihn von seiner Liebe trennt. (Una Calle me separa)

Vermutlich mit als erste Fans übernahmen die Anhänger von Chacarita die Schnulze und schafften es damit auch in das wöchentliche Ranking der früheren TV-Sendung El Aguante auf TyC Sports, in der bis vor einigen Jahren Stadionlieder vorgestellt wurden. „Chaca, yo te quiero“ singen die Funebreros äußerst gefühlvoll im ersten Teil dieses Clips.

Später sangen auch die Fans von Boca zur Melodie von Una Calle nos separa:

„Los domingos en la cancha
esta hinchada esta re loca.
Solo quiero ver a Boca.
Muchas cosas nos separan. che gallina hija de puta!
Siempre hiciste amistades y tu aguante, es la yuta
y River Plate no para de correr,
siempre me chamuyas y nunca te plantas.
Yo te prometo que

nos vamos a encontrar
y te vamos a matar!“

Zum besseren Verständnis auf deutsch:

„Sonntags im Stadion,
sind diese Fans total verrückt.
Ich will nur Boca sehen.
Viele Dinge trennen uns. hey, Gallina! Hurentocher!
Du bist immer Freundschaften eingegangen und dein Rückhalt ist die Polizei!
Und River Plate läuft immerzu davon,
laberst mich immer voll und nie stellst du dich.
Ich verspreche dir, dass
wir uns treffen werden
und ich werde dich umbringen!“

Die Bosteros singen ebenfalls, wenn auch nicht mehr so häufig, einen Cumbia Villera – Hit von RePiola. Dessen Sänger, in der Ästhetik nicht weit entfernt von Nestor en Bloque, manifestiert bei „No me vuelvo a enamorar„, dass er sich nicht mehr verlieben werde, um nicht mehr zu leiden.

Auch wenn die Fans von Vélez Sarsfield immerwieder von anderen als schnöselige Teenies aus der Mittelschicht verlacht werden, scheinen dennoch die kreativen Köpfe im Estadio José Amalfitani auch eine Vorliebe für Cumbia zu haben. So klingt ihre Variante zur selben Melodie von RePiola.

Bei den Roten von Independiente hat man diesen Hit zur Hymne des 100jährigen Vereinsjubiläum erkoren. Seit 2004 schallt dieser durch seine Anapher sehr einprägsame Chant durch Avellaneda.

„Cien anos de locura y de pasión,
cien anos que en el barrio mando yo.
Cien anos de cojerme a la AKD,
cien anos de copar donde jugué.
Por eso yo, vengo a alentar,
otros cien anos voy a estar.
De visitante o de local
por el orgullo nacional.“

Die Jubiläumshymne auf deutsch:

„100 Jahre Verrücktheit und Passion.
100 Jahre bestimme ich bei uns im Viertel
100 Jahre nudel ich die AKD durch
100 Jahre gewinne ich, wo immer ich auch spielte.
Deshalb komme ich, um zu unterstützen,
weitere 100 Jahre werde ich da sein.
Ob zu Hause oder auswärts,
für den Stolz des Landes.“

Hier muss angemerkt werden, dass es sich bei Orgullo Nacional (hier als „Stolz des Landes“ übersetzt) nicht um irgendwelche nationalistischen Ansichten handelt, sondern dies ein verbreiteter Spitzname für Independiente war, als diese in den 70er und 80er Jahren haufenweise internationale Pokale nach Argentinien trugen. Mit „AKD“ wird natürlich der Rivale Racing, Spitzname Academia, angesprochen.

Sehr großer Beliebheit erfreut sich die Cumbia Villera übrigens auch in Mexiko, wo dessen Popularität jene in der Heimat heute übersteigt. Dementsprechend haben auch die sehr Argentinien-orientierten mexikanischen Fans einige Hits der Villera übernommen. Ziemlich genau kopierten beispielweise die Anhänger der Chivas den eben vorgestellten Gesang von Independiente. Nur warum Mexikaner weniger Taktgefühl und Sensibilität für Melodien haben als ihre argentinischen Vorbilder, können wir leider an dieser Stelle nicht klären.

Viktor Coco

Eine Antwort zu “Argifutbol stellt Fangesänge vor, Teil IX: In den Gassen der Villa erzählt man sich…

  1. Sehr netter Artikel über die Cumbia Villera in den Stadien, eine kleine Anmerkung jedoch, „en los pasillos de la villa se comenta, que el pibe cantina se ganó la loteria…“, stammt also eindeutig aus dem Lied Pibe Cantina, auch von Yerba Brava. Ansonsten sehr gelungen.

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