Independiente im Finale der Copa Sudamericana: auf der Suche nach altem Glanz

In der gestrigen Nacht wurde in Goianas im Herzen Brasiliens das Finalhinspiel der Copa Sudamericana zwischen Goiás EC und Independiente ausgetragen. Der argentinische Vertreter musste sich 0:2 geschlagen geben und verlor zudem für das Rückspiel in einer Woche seinen Mittelstürmer Silvera durch eine Rote Karte.

So sehr sich ihre gegenwärtige Situation in den jeweiligen Nationalligen ähnelt, so unterschiedlich könnte die Geschichte der Finalteilnehmer nicht sein: Während der brasilianische Absteiger Goiás aus dem gleichnamigen Bundestaat erstmals nach einem kontinentalen Pokal greift, kehrte Independiente nach 15 Jahren auf die große internationale Bühne zurück, auf der man in den 70er und 80er Jahren gefürchteter Protagonist war und die man nach eigener Wahrnehmung nie verlassen hatte.

Um Independientes Geschichte zu verstehen, lege man die historischen Erfolge von Borussia Mönchengladbach, Nottingham Forest und sogar noch von  Ajax Amsterdam übereinander. Siege und Finalteilnahmen im Europapokal der Landesmeister und im UEFA Cup, fast im Jahresrhythmus. Drei europäische Topteams der 70er und 80er Jahre, in dessen gegenwärtiger Tristesse nur noch der Briefkopf an die glorreiche Vergangenheit erinnert. Die Pokale gewinnen mittlerweile andere Topteams.

Gladbach kämpft in der Bundesliga um den Anschluss, Nottingham spielt in der zweiten englischen Liga, lediglich Ajax kann zumindest national Erfolge vorweisen, knüpfte aber bis auf dem Gewinn der Champions League 1995  nicht mehr an die internationalen Erfolge der Vergangenheit an. Im selben Jahr spielte der Club Atlético Independiente sein letztes Finale eines kontinentalen Wettbewerbs. Man gewann im legendären Maracaná-Stadion in Rio de Janeiro gegen Flamengo mit Romario die Supercopa Sudamericana, einer der zahlreichen Vorläufer der  Copa Sudamericana, die heute in ihrem Stellenwert und System etwa dem früheren UEFA Cup gleicht. Auch ein Jahr zuvor, 1994, hatte Independiente selben Titel gegen einen der großen Lokalrivalen Boca Juniors gewonnnen. Internationale Erfolge im Jahrestakt.

1964 hatten die Roten Teufel aus Avellaneda erstmals die Copa Libertadores gewonnen, jenen Wettbewerb südamerikanischer Meistermannschaften, der vielleicht seit jeher der Champions League an finanziellem Umsatz, nicht aber an Brisanz, Abenteuern und Ruhm nachsteht.

Man schmückt sich mit der Vergangenheit

Man schmückt sich mit der Vergangenheit

Independiente ist bis heute mit sieben Erfolgen alleiniger Rekordsieger der Copa Libertadores und benannte zuletzt sogar sein Stadion nach den Befreiern des Kontinentes, vielleicht um im Konzert der Großen nicht in Vergessenheit zu geraten. Seit den glorreichen Jahrzehnten trägt Independiente in Argentiniens Fußballglossar die Spitznamen Orgullo Nacional (Stolz der Nation) und Rey de Copas (König der Pokale). Letzteren skandierte man zuletzt in Avellaneda umso agressiver auf der Tribüne, während auf dem Platz eine durchschnittliche Mannschaft bewies, dass man vielleicht wirklich mit dem Ruhm des Trikots international erfolgreich auftreten kann.

In der ersten Runde der Copa Sudamericana, die im Halbjahreswechsel mit der Copa Libertadores ausgetragen wird, setzte sich Independiente gegen Argentinos Juniors durch, die immerhin einige Monate zuvor die argentinische Meisterschaft gewonnen hatten, aber im August mit neuem Trainer und nach einigen Abgängen längst kein Angstgegner mehr waren. Nach einem 1:0 Sieg im Hinspiel reichte Independiente ein umkämpftes 1:1 auswärts.

Danach kamen die Anhänger der Roten nach Jahren endlich wieder in den Genuß eines internationalen Gegners. Und die stolze Brust des Rey de Copas schwoll mehr und mehr an. Nach einer 0:1 Auswärtsniederlage beim derzeitigen Tabellenführer der 1. Liga Uruguays, Defensor Sporting, erlebte das Estadio Libertadores de América im Rückspiel ein Pokaldrama höchster Kategorie. Ein Wechselbad der Gefühle, ein packendes Torfestival und ein Steinwurf gegen den gegnerischen Torwart, der nicht nur eine blutige Wunde, sondern auch einen Spielabbruch hätte nachsich ziehen müssen. Fußball in Südamerika.

Im Viertelfinale traf man auf Deportivo Tolima aus Kolumbien. Auch kein Grande des Kontinents, aber immerhin aktuell eines der stärksten Teams des Landes. Independiente erkämpfte auswärts ein 2:2 und schaukelte vor dem eigenen fanatischen Publikum mit einem weiteren torlosen Unentschieden die Serie nach Hause. Auch wenn im nominell blassen Kader von Independiente kein Spieler mit ausufernder internationaler Erfahrung geschweige denn Erfolgen zu finden ist, so erkannte man spätestens jetzt, was die argentinische Presse meint, wenn sie schreibt, dass man ein Spiel ‚mit der Geschichte‘ oder ‚mit dem Trikot‘ gewinnen kann.

Im Halbfinale traf man auf LDU aus Quito. Ein Verein, dessen jüngere Geschichte vor Glanz nur strotzt. Dem überraschenden Sieg in der Copa Libertadores 2008 lies das Team aus der Andenhauptstadt ein Jahr später die Sudamericana folgen. Wenngleich Independiente Angst vor dem Hinspiel auf knapp 3000 Meter hatte; so fürchteten sich vermutlich die Ekuatorianer vor der feurigen Hölle in Avellaneda. Und vor der Geschichte eines wahren Großen.

Trainer Mohamed brachte die Wende

Cooler Typ: Trainer Mohamed brachte die Wende beim CAI

Independientes Trainer Antonio el turco Mohamed, der dritte in dieser kurzen Spielzeit, hatte längst erkannt, wie er die (bis auf die internationalen Auftritte) verkorkste Saison retten musste: In der argentinischen Meisterschaft setzte er nur noch Ersatzspieler ein, die komplizierte Abstiegsregelung verhindert auch auf dem vorletzten Tabellenplatz den Gang in die zweite Liga. Für die Auftritte in der Copa impfte er seinen Spielern aber höchste Motivation ein. Als nach einer Stunde in Quito Independiente mit 0:3 zurück lag, war diese gefragt. Mittelstürmer Andrés Silvera traf unf kurz darauf verkürzte einer der wenigen Lichtblicke der Mannschaft Lucas Mareque zum 2:3. Eine selten gesehene Aufholjagd in der Höhe von Quito, die Luft gab für das Rückspiel.

Wieder kochte das Stadion in Avellaneda, wieder machte man sich die Auswärtstorregel zu nutzen. 2:1. Keeper Hilario Navarro hielt mal wieder mit starken Paraden sein Team im Wettbewerb. Und plötzlich ist der langersehnte internationale Pokaltriumph zum Greifen nahe.

Finalgegner Goiás hatte im Halbfinale immerhin überraschend Palmeiras von Weltmeistercoach Felipe Scolari aus dem Wettbewerb geworfen, musste aber zeitgleich einige Spieltage vor Saisonende den Abstieg aus der ersten brasilianischen Liga beklagen.

Ein Absteiger gegen einen aus fussballerischer Sicht zur grauen Maus mutierten Traditionsverein. Ob dies ein würdiges Finale sei, war den Anhängern der Roten völlig egal. Per Bus, per Charter egal wie legten  1000 Fans die über 2700 Kilometer bis in das Herz Brasiliens zurück. Ohne Gewissheit, ob man überhaupt eine Karte bekommen würde. Aber mit dem Stolz und der Hoffnung des Rey de Copas.

Einer der jungen unbekannten Wilden: Leonel Galeano

Einer der jungen unbekannten Wilden: Leonel Galeano

In der gestrigen Nacht waren kaum 20 Minuten gespielt, da stand man schon wieder 0:2 im Rückstand. Resignation, leere Blicke der Spieler und Trainer bis zur Halbzeit. Nur die Fans aus Argentinien machten merkbar mehr Stimmung als die 40.000 Anhänger der grünweissen Heimmannschaft. Der Platzverweis gegen den offensiven Kopf der Mannschaft Silvera in der 60. Minute hätte die Guillotine bedeuten können. Aber Goiás legte nicht nach und Independiente verhinderte ein Debakel, dass jegliche Hoffnung auf das Rückspiel geraubt hätte.

Bochini: Einer der erfolgreichsten Argentinier aller Zeiten

Bochini: Einer der erfolgreichsten Argentinier aller Zeiten

Nun kann man in einer Woche weder auf den Mittelstürmer, noch auf einen legendären 10ner zurückgreifen, wie es Bochini war. El Bocha ist die Personifizierung der erfolreichen Jahre und war bei zehn von fünfzehn internationalen Pokalgewinnen dabei. Ebenso hat man keinen Weltmeister wie Jorge Burruchaga und keinen charismatischen Torwart wie Faryd Mondragón, damals 1995 im Maracaná. Aber irgendwie sind sie doch dabei, alljene Legenden die die reiche Geschichte des C.A. Independiente zu schreiben wussten. Denn die Velázquez‘, Galeanos und Rodriguez‘ waren beim letzten Triumph zwar nicht einmal im schulfähigen Alter, aber sie tragen seit ihrer Kindheit das Trikot des Rey de Copas. Und angetrieben von 45.000 feurigen Fans ist auch ohne Auswärtstorregel alles möglich.

EC Goiás – CA Independiente 2:0 (2:0)

Tore: Moura (14.), Neto (21.)

Viktor Coco

5 Antworten zu “Independiente im Finale der Copa Sudamericana: auf der Suche nach altem Glanz

  1. André Schweizer

    Wie ist es eigentlich um River bestellt? Wie viele Punkte brauchen sie eigentlich noch, damit sie nicht in die Relegation müssen? Und gegen wen müssen sie dann eigentlich antreten? Gegen eine Mannschaft aus der zweiten Klasse oder wird der dritte Absteiger zwischen zwei Erstligisten ermittelt?

  2. Die Absteiger werden immer erst nach der Clausura ermittelt. Grundlage der Berechnung ist der durchschnittliche Punktewert aus den letzten drei Kalenderjahren (d.h. 2008/09, 09/10, 10/11).
    Am Beispiel River Plate sieht das folgendermaßen aus:
    41 Punkte in 2008/09
    43 Punkte in 2009/10
    28 Punkte bisher in 2010/11 (wobei dazu noch die Clausura 2011 hinzukommen wird)
    41+43+28= 112 Punkte (gesamt)
    aus 93 Spielen
    Der durchschnittliche Punktewert ist somit: Punkte/absolvierte Spiele
    = 112/93
    = 1.204
    Mit diesem Schnitt stehen sie derzeit nicht auf einem Abstiegsplatz. Siehe
    Descenso bei Olé:
    http://www.ole.com.ar/estadisticas/futbol/primera-division.html#fixture

    Die beiden Letztplatzierten steigen direkt ab, der Drittletzte spielt die Relegation gegen den Dritten der zweiten Liga (Nacional B) und der Viertletzte gegen den Viertplatzierten.

    Hier noch ein Link zur Tabelle der 2. argentinischen Liga: http://www.ole.com.ar/estadisticas/futbol/nacional-b.html
    Die zweite Liga spielt eine komplette Hin- und Rückrunde aus (so wie wir das aus Deutschland auch kennen).

    Der Abstiegskampf ist zwar immer allgegenwärtig, richtig heiss wirds aber erst im nächsten Jahr, wenn die Clausura angelaufen ist. River und Konsorten haben auf jeden Fall noch 21 Spiele (bzw. 22 Spiele, da wir grad mitten im Spieltag sind und River gestern einen Dreier einfahren konnte) Zeit, um ihr Punktepolster etwas aufzumöbeln.
    Saludos!!

  3. Vielen Dank für diese Infos. Mit der Relegation ist es also fast wie in Deutschland, 1. Liga gegen 2. Liga. Das mit dieser Dreijahreswertung ist schon echt verwirrend, ähnlich wie mit der UFEFA-Fünfjahreswertung.

    Viel verwirrender ist für mich als Außenstehenden aber, der nun einmal nicht damit aufgewachsen ist und darum auch keinen blassen Schimmer davon hat, die brasilianische Liga. Soweit ich in Erfahrung gebracht habe, spielen die Vereine ja eine sogenannte Staatsmeisterschaft aus (São Paulo, Rio usw.) und anschließen die brasilianische Meisterschaft, oder?

    Und der nationale Pokalsieger ist direkt für die Copa Libertadores qualifiziert, was ich für eine gute und sinnvolle Regel erachte.

  4. Vamos Independiente … a ganar la copa!
    Viktor, ich freue mich wieder auf eine Skype Konferenz!

  5. 15 Cuadras, also etwa eine 1,5 kilometerlange Schlange vor den Tickethäuschen in Avellaneda! Dale Rojo!

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