Die argentinische Trainergilde: überall, zu selten langfristig

Argentiniens ehemaliger Nationaltrainer José PekermanDer derzeitige Transfermarkt bugsiert nicht nur argentinische Spieler quer über den Fußballglobus, auch Trainer des Landes packen ihre Koffer, um ihre Taktiktafeln irgendwo neu aufzustellen.Gerardo Martino kehrt zu den Newell’s Old Boys zurück , José Pekerman unterschreibt als kolumbianischer Nationaltrainer und Diego Simeone heuert bei Atlético Madrid an.

...und tschüß: Simeones 7. Anstellung im 6. Trainerjahr

 El cholo ist bei Atlético bereits der 11. Argentinier auf der Trainerbank und wer seine bisher kurze Laufbahn als DT (director técnico) verfolgt hat, für den war es nur eine Frage der Zeit, bis er bei den rot-weißen Madrilenen landet. Insgesamt fünf Jahre stand Simeone bei den Colchoneros als Spieler unter Vertrag. Eine Zeitspanne, die er wohl kaum als Trainer durchhalten wird. In Argentinien hatte er seit 2006 bereits im Jahrestakt  Racing, Estudiantes, River Plate und San Lorenzo trainiert, führte dabei zwei der Klubs gar zur Meisterschaft und folgte dann dem Ruf nach Europa, um am Fuße des Ätnas den mit phasenweise 12 Argentiniern gespickten Kader von Catania zu übernehmen. In der Rückrunde der Saison 2010 führte Simeone den Klub aus dem Abstiegskampf auf seine bis dato beste Erstligaplatzierung der Geschichte. Dennoch kehrte er den Sizilianern den Rücken um erneut in der Heimat bei Racing Club anzuheuern. Was wie ein Rückschritt aussah war ein restart: In der Heimat fühlte er sich eher Allzeit bereit, um bei einem kurzfristig Angebot  in die spanische Hauptstadt zu wechseln.

Simeones Darsein als Wanderarbeiter der Trainerzunft ist typisch für seine Landsleute. So wie die Spieler aus Argentinien von ihren Beratern durch die Ligen der Welt getrieben werden, so galoppieren auch die Trainer des Landes von einem Engagement zum anderen.

Schüler von Marcelo Bielsa? Pochettino und Guardiola

Neben Marcelo Bielsa bei Athletic Bilbao und Mauricio Pochettino bei Espanyol Barcelona ist Simeone immerhin der dritte Argentinier in der Primera División. Wohl ist die spanische Sprache ein Pluspunkt auf den Bewerbungsbögen der Trainer, aber auch in Italien coachten schon Daniel Passarella in Parma oder Carlos Bianchi AS Rom um nur zwei Beispiele zu nennen. Sowohl in Spanien als auch in Italien war im letzten Jahrzehnt Héctor Cúper bei 6 Vereinen unter Vertrag. Wenn er damals um die Jahrtausendwende nicht mit Valencia zweimal hintereinander das Champions League Finale verloren hätte, säße er heute sicherlich nicht beim türkischen Erstligaaufsteiger Orduspor auf der Bank.

Für knapp zwei Spielzeiten trainierte Cúper Aris Saloniki, wo er zumindest statistisch an seine guten Bilanzen aus den Anfangsjahren in Spanien und Italien anknüpfen konnte. Griechenland gilt für ausländische Trainer als schwieriges Terrain. Neben den Sprachbarrieren kommen erheblicher Druck von den Medien und den Fans hinzu, wobei gleichzeitig Erfolge nur bedingt von der internationalen Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Guillermo Hoyos: von Griechenland nach Bolivien

Unbekannter Weltenbummler: Guillermo Hoyos

Gar vier griechische Teams sowie Anorthosis Famagusta aus Zypern coachte seit 2006 Ángel Guillermo Hoyos aus Córdoba. Nach fünf Jahren als Trainer von Barcelonas zweiter Mannschaft, in denen er unter anderem den Jugendspieler Lionel Messi an das Profiteam heranführte, zog es Hoyos ans östliche Mittelmeer, wo er wie zuvor Cúper Aris Saloniki coachte und Pas Giannina in die 1. Liga führte. Vor einem Jahr kehrte Hoyos nach Südamerika zurück und betreut dort den bolivianischen Rekordmeister Bolívar und liegt damit ganz im Trend seiner Landsleute, die von Mexiko bis Chile in allen lateinamerikanischen Ligen in den letzten Jahren zahlreiche Teams betreuten und Erfolge feierten.

In Mexiko und Chile kaum ein Verein ohne argentinischen Trainer in der Geschichte

So gibt es wohl kaum einen mexikanischen Erstligisten, der nicht mal von einem Gaucho gecoacht wurde. Américo Gallego wurde mit Toluca Meister, La Volpe mit Atlante, Argentiniens WM-Trainer von ’74 Brindisi betreute zuletzt Atlas und Jaguares und der noch junge Antonio Mohamed ist derzeit bei Tijuana auf seiner gar 6. Station in Mexiko. Die Liste ist lang und ähnelt sich stark jener des chilenischen Fußballs, wo zeitgleich meist etwa eine handvoll Profiteams von Argentiniern betreut werden. Claudio Borghi führte Colo Colo 2006-2007 vier Mal hintereinander zur Meisterschaft und ins Finale der Copa Sudamericana. Heute betreut el Bichi die chilenische Nationalmannschaft und ist damit Nachfolger seines Landmanns Marcelo Bielsa.

Sampaoli, Bauza und Pumpido: im Ausland zu internationalem Erfolg

Eben jene Copa Sudamericana gewann 2011 zum ersten Mal Universidad de Chile, wo seit 2007 drei Argentinier auf der Trainerbank Platz genommen hatten, darunter auch der Ex-Stuttgarter José Basualdo, der derzeit in Indonesien trainiert. Veranwortlich für den diesjährigen Erfolg und die zwei errungenen Landesmeistertitel Apertura und Clausura 2011 von la U  ist Jorge Sampaoli aus Rosario, der nie in der ersten argentinischen Liga gespielt oder trainiert hatte und zuvor Teams in Peru und Ekuador betreute.

Jorge Sampaoli: Ein Rekordjahr in Chile

Sampaolis Werdegang ähnelt dem vieler argentinischer Trainer im südamerikanischen Ausland. Auch Nery Pumpido führte Olimpia aus Paraguay zum Sieg der Libertadores 2002, ebenso tat es el Patón Bauza mit LDU Quito 2008 zu deren ersten Erfolg in diesem Pokal. Wie auch in Chile sind es gerade Vereine in Paraguay und Ekuador, die auf Teamchefs aus Argentinien setzen. Cerro Porteno hatte seit 2003 acht unterschiedliche argentinos auf der Trainerbank, Bianchis langjähriger Assistent Carlos Ischia wurde dieses Jahr mit Deportivo Quito Landesmeister und Marcelo Gallardo gewann ebendiesen Titel bei seiner ersten Station als Trainer in Uruguay bei Nacional.

Argentinier auch als Nationaltrainer beliebt – und erfolgreich

Troglio, Llop, Marchesini… die Liste argentinischer Trainer in den südamerikanischen Ligen scheint unendlich. Ähnliche Wertschätzung geniessen die Instrukteure vom Río de la Plata bei den Nationalverbänden Mittel- und Südamerikas. Bilardo und Brindisi betreuten mal Guatemala, Menotti und vor allem La Volpe hinterliessen Spuren bei der mexikanischen Nationalmannschaft. Borghi setzt derzeit die hervorragende Arbeit von Marcelo Bielsa bei der chilenischen Auswahl fort.
Daher ist es auch wenig verwunderlich, dass der kolumbianische Verband mit der Verpflichtung von José Pekerman sehr zufrieden ist, der zwar mit der argentinischen Selección 2006 scheiterte, die dabei aber sicherlich ihren besten Fußball der vergangenen Jahre zeigte.
Ganz oben auf der Liste der Kolumbianer stand allerdings ein anderer Argentinier: Paraguays ehemaliger Nationaltrainer Gerardo „el Tata“ Martino entschied sich letztendlich gegen ein Millionenangebot der Cafeteros und für eine Rückkehr zu seinem Heimatverein Newell’s Old Boys in Rosario. Nach Erfolgen auf Vereinsebene in Paraguay, unterschrieb Martino Ende 2006 als Nationaltrainer der Albiroja. Nach einer vor allem in der Hinserie sehr erfolgreichen WM-Qualifikation, führte el Tata das Team 2010 in Südafrika bis ins Viertelfinale, wo man nur knapp am späteren Champion Spanien scheiterte. Auch bei der Copa América im vergangenen Jahr erreichte Paraguay das Finale – wenn auch ohne einen einzigen Sieg in der regulären Spielzeit.

Die Schule von Menotti: Effizienz kein Widerspruch zu Schönheit

Kehrte zu seinem Heimatverein zurück: Gerardo Martino

Martinos Geburtsstadt Rosario scheint nicht nur generell die Heimat vieler Genies zu sein, wie zuletzt das neue, 11 Freunde-ähnliche spanische Magazin Panenka feststellte, sondern die drittgrößte argentinische Metropole ist wohl auch Geburtsort der meisten argentinischen Trainergenies. Der zuvor erwähnte Sampaoli, Espanyol Barcelonas Pochettino und vor allem el loco Bielsa lernten und liebten Fußball zuerst bei Newell’s. Pochettino wurde als Spieler unter Bielsa Meister bei den leprosos und wenngleich Martinos Ausrichtung bei der Nationalmannschaft Paraguays eher defensiv war, lässt sich bei den anderen Fußballlehrern sehr wohl eine gewisse Strömung, ja gar ein Ideal des Fußballs ausmachen, was an einen anderen Rosarino anknüpft: César Luís Menotti.
Offensives Spiel, unendliche Ballstafetten und erhöhte Toleranz gegenüber Tricksern sind Merkmale von Menottis Philosophie, mit der er Huracán in Argentinien zu einer legendären Meisterschaft 1973 führte und womit auch Marcelo Bielsa die stärkste chilenische Nationalmannschaft der letzten Jahrzehnte aufstellte, die bei der WM 2010 begeisterte.

Zu Recht beschreibt Jonathan Wilson in seinem Buch „Revolutionen auf dem Rasen“ die Opposition dieser Ausrichtung zu Trainern wie Carlos Bilardo, der auch politisch als Gegensatz zu linken Fußballästheten wie Menotti damals oder heute Bielsa und Ángel Cappa gilt. Allerdings scheiterte Bielsa mit seiner Taktik zum Beispiel bei der WM 2002, wie Wilson beschreibt. Argentinien hatte nach der Vorrunde zwar mehr Ballbesitz, mehr Torchancen und mehr Eckbälle als alle anderen Teams auf dem Konto, konnte jedoch nur zwei Tore verbuchen.

Auch Guardiola lauschte den Ausführungen von Bielsa und Menotti

Eine solche Spielweise benötigt für den Erfolg  intensives Training, eine stabile Mannschaft und jahrelange Vorbereitung. Es verwundert daher nicht, wenn man erfährt, dass Barcelonas Pep Guardiola vor Beginn seiner Trainerlaufbahn auf eigene Initiative nach Argentinien reiste, um sich mit Menotti, La Volpe und Bielsa zu treffen. Mit Menotti, der selbst von sich behauptet, Guardiolas Spielweise noch vor Cruyff 83/84 bei Barcelonas versucht zu haben, trank er Whisky in Belgrano. Mit Bielsa philosophierte Guardiola der Legende nach 11 Stunden bei einem Asado in dessen Wohnsitz in Rosario.

Marcelo Bielsa

Marcelo Bielsa: gibt keine Exklusivinterviews aber dafür können seine Pressekonferenz Stunden dauern

Guardiola war es auch, der Athletic Bilbao Marcelo Bielsa empfahl. El loco lehnte für das Engagement bei den Basken einen hochdotierten Vertrag bei Inter Mailand ab. Bei Bilbao sehe er das ideale Umfeld, um eine Mannschaft in Ruhe aufzubauen. Ein guter Trainer kann auch kurz-oder mittelfristig erfolgreich arbeiten, wie die zahlreichen argentinischen Beispiele in Lateinamerika zeigen. Aber eine gute Taktik und ein sehr guter Trainer brauchen Zeit. Langfristig.

Viktor Coco

6 Antworten zu “Die argentinische Trainergilde: überall, zu selten langfristig

  1. Inter ablehnen und bei Athletic anheuern. Allein dafür gebührt Bielsa der größtmögliche Respekt. In Bilbao kann er in Ruhe arbeiten und muss nicht mal großartig den Transfermarkt sondieren, da nur baskische Spieler spielen dürfen. Höchste Konzentration auf die Mannschaft und Taktik ist also angesagt und das macht er sehr gut.

  2. Hallo ihr Freunde des argentinischen Fußballs, ich wünsche Euch ein gutes, gesundes und erfolgreiches (auch für den argentinishcen Fußball) neues Jahr!
    Bleibt weiter so schreibfreudig, damit man neben den öden Zeitungskommentaren hierzulande (in Deutschland) auch mals was kenntnisreiches und vernünftiges zu lesen bekommt!
    Vamos Argentina!

  3. @jens: gesundes neues zurück …Viva Argentina !!!!

  4. Hallo zusammen,

    zwar ist der Januar schon wieder zur Hälfte vorbei, aber ich wünsche allen Lesern und Freunden des argentinischen Fußballs noch ein gesundes neues Jahr sowie für 2012 alles Gute!

    Wie Jens schon erwähnte, hoffe ich ebenfalls auf weitere interessante Artikel wie diesen hier.

    Dass Leo wieder als bester der Welt ausgezeichnet wurde, freut mich sehr. Hoffentlich kann er uns mit seinen Landsmännern in den diesjährigen Quali-Spielen mit schönem und erfolgreichem Fußball verzücken.

    Bis bald!

    André

  5. Pingback: 1. Spieltag: San Lorenzo tief im Abstiegskampf | Fußball auf Argentinisch

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