Totenwache während des Spiels: Quilmes Barra bringt Sarg mit ins Stadion

Ungewohnte Traueraktion in Quilmes: Die Barra-Gruppierung Los Alamos des Fußballklubs Quilmes AC hielt am vergangenen Dienstag eine Totenwache im Estadio Centenario ab. Während des Spiels der Reserveteams von Quilmes und Unión betraten rund 200 Barras die Stehplatzgerade mit dem Sarg des nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei tödlich verunglückten José María Fernández, fünfzehnjähriger Sohn des gleichnamigen Chefs der Los Alamos. Nicht die erste Totenwache im Centenario in 2012. Wir blicken zurück.

In Argentinien gehören ungewöhnliche Aktionen zum Alltag. Doch dass eine Fangruppierung einen Sarg mitsamt Leichnam in die Kurve bringt, ist selbst in der bunten Metropole Buenos Aires außergewöhnlich. Die ganze Aktion war sogar von der Führungsetage des Klubs autorisiert worden – totaler Realitätsverlust oder eine wunderbare letzte Ehre für einen Fußballverrückten?

Josesito vive

Der 15-jährige Josesito, Sohn von Alamos-Chef José María Fernández, verstarb letzten Sonntag bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei. Der Jugendliche hatte kurz zuvor ein Pärchen ausgeraubt und flüchtete mit einem Motorrad. Die Polizei nahm die Verfolgung auf, schließlich kam es zu einem Frontalzusammenstoß eines Streifenwagens mit dem Motorrad. Josesito erlag seinen Verletzungen noch am Unfallort. Der zweite tragische Todesfall für die Familie Fernández innerhalb der letzten sechs Monate. Bereits Ende März verstarb Josesitos Bruder Moisés bei einem ähnlichen Vorfall. Moisés wollte das Auto eines Zivilpolizisten stehlen, bei dem anschließenden Kampf der beiden schlug der Polizist den jungen Mann tot. Somit verlor der Alamos-Führer innerhalb weniger Monate zwei Söhne.

Damals ließ die Vergeltungsmaßnahme nicht lange auf sich warten. Eine Polizeiwache in Villa Argentina wurde niedergebrannt und alle Feuerwaffen erbeutet. Vor der Partie gegen Aldosivi (Anfang April) verschafften sich dann 70 Barras gewaltsam Zutritt in den Innenbereich des Stadions und trugen Moisés Sarg über den Platz, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Dieses Mal ging alles friedlicher zu. Die Traueraktion war eigentlich für den Zeitraum nach dem Training der ersten Mannschaft und vor dem Spiel der Reserve terminiert. Doch der Trauerzug kam verspätet an und wollte dann auch nicht mehr bis zur Halbzeit warten. Einige Mitglieder feuerten Salven in die Luft ab, das Spiel wurde für etwa fünf Minuten unterbrochen.

“Tiraron un par de tiros, buen cagazo me pegué, estaban atrás del arco donde yo estaba”. Joaquín Papaleo, Torwart bei Unións Reserve

„Sie schossen einige Male in die Luft, da hab ich mir ganz schön in die Hose geschissen, die standen genau hinter meinem Tor“, gab ein erstaunter Papaleo zu Protokoll, der aber die Wogen glätten wollte: „Es war mehr der Überraschungsmoment der mich verängstigte. Die Leute sind alle ruhig geblieben, es war eine friedliche Aktion.“


Krieg innerhalb der Barra: Los Alamos vs. El Monte

José María Fernández führte unter der Regie der Brüder Becerra die Kurve von 2000 bis 2010 an, wurden aber schließlich von der rivalisierenden Gruppierung El Monte im wahrsten Sinne des Wortes aus der Kurve „geklatscht“. Seither ist es um einiges ruhiger geworden. Doch gegen Ende der letzten Saison versuchten die Becerras wieder an die Macht zu gelangen. Zuerst kam es zu wüsten Schlägereien im Vereinsheim und schließlich eskalierte es vor der Auswärtsfahrt zu Instituto nach Cordoba, als einer der Becerras in einen Bus der Montes einsteigen wollte und bei der sich anbahnenden Auseinandersetzung ins Bein geschossen wurde. Eine Antwort blieb natürlich nicht aus: Aus dem Lager der Alamos kam es zu  Morddrohungen für die gesamte Führungsfraktion der Montes und letztlich wurde das Haus des aktuellen Monte-Anführers, Ramiro Bustamante, eines Morgens schwer beschossen. Verletzt wurde dabei niemand und die Fehde ist derzeit vorübergehend auf Eis gelegt – Fortsetzung folgt, garantiert. Doch es stellt sich die Frage, warum Polizei und Politik tatenlos danebenstehen, während die stadtbekannten Täter freimütig Selbstjustiz betreiben.

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