Wachiturro Centurión – ein Dribbling kommt selten allein

Es ist der teuerste Transfererlös der Vereinsgeschichte. Adrian Ricardo Centurión wechselt für 7,5 Millionen Euro von Racing Club de Avellaneda zum russischen Tabellenzweiten Anschi Machatschkala. Der offensive Mittelfeldspieler, der letzte Woche seinen 20. Geburtstag feierte, wird ab kommenden Sommer für das Team von Trainer Guus Hiddink auflaufen und bleibt der argentinischen Liga somit noch 19 Spiele lang erhalten. Im gewohnten Umfeld soll Centurión noch weiter reifen und sich langsam auf den Karrieresprung nach Europa vorbereiten. Centurións große fußballerische Klasse gilt als unbestritten, doch bringt er auch die nötige professionelle Einstellung mit? Viele stören sich an seinem Gangsterimage und seiner lässigen, provokativen Spielweise.

250px-Racing_Club_de_Avellaneda.svgAdrian Centurión wurde am 19. Januar 1993 in Avellaneda, etwa 5 km südlich der Hauptstadt Buenos Aires, geboren. In sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen, lebt Racings Shootingstar noch heute zusammen mit seiner Familie in Villa Luján, ein schwieriges Pflaster, wo Drogenhandel floriert und jugendliche Gangs ihr Unwesen treiben. Es ist die Heimat des derzeit besten Dribblers der Liga. Schnelligkeit, Ballbehandlung und seine intensive Bindung zum Spiel runden seine Offensivqualitäten ab.

Aber auch außerhalb des Platzes sorgt Centurión für Aufsehen. Wenige Tage vor dem wichtigsten Spiel des Jahres, dem Stadtderby gegen Indep ́te, kursierte ein Foto Centurións mit einem Revolver in der Hand durchs Netz. Die Öffentlichkeit war empört, den Spieler selbst kümmerte das nicht, warum auch. Centurión wird auch Wachiturro genannt. Wachiturro ist Slang und setzt sich aus den Wörtern, wacho und turro zusammen: Wacho, im spanischen eigentlich guacho, ist ein verwaister Bastard. Turro bedeutet soviel wie schamloser Verräter. Los Wachiturros, eine sehr populäre Musikkombo in Argentiniens Elendsvierteln, singen in ihrer Cumbia Villera über Sex, Drogen und Kriminalität, aber nicht verherrlichend, sondern immer mit einem gewissen Schalk im Nacken. Es sind Jungs aus rauen Vierteln, gezeichnet vom harten Alltag, ein eben solcher ist auch Centurión. Die auf ihn niederprasselende Kritik an jenem Foto konterte er mit einer blitzsauberen Leistung im Derby, avancierte dabei zum Matchwinner. Die heimische Sportpresse jubelte, ein neuer Weltklassespieler mischt die Liga auf.

Sonntag für Sonntag begeistern seine atemberaubenden Dribblings, gleichzeitig zieht er aber auch den Unmut der gegnerischen Abwehrreihen auf sich. Seine lässige, ja meist provokative Spielweise kommt bei den hüftsteifen Verteidigern nicht gut an. Centurión liebt das Eins gegen Eins. Er sucht solche Situationen, denn dann ist er am meisten Fußballer. Dabei geht er aber oft zu weit, er düpiert seine Gegner, ein Tänzchen hier, ein Beinschuss dort, Wachiturro. Er erhält die Quittung und wird in aller Regelmäßigkeit mit teilweise übertriebener Härte zu Boden gestreckt. Aber er knickt nicht ein. “No tiene vergüenza”, soll heißen, der hat keine Angst und keinen Respekt, auch nicht vor großen Namen.


In allen 19 Saisonspielen stand er in der Startelf und glänzte mit drei Toren und sieben Torvorlagen (Ligahöchstwert) als Dreh- und Angelpunkt in Racings Spielwiese. Seine Qualitäten kommen am besten auf der offensiven Außenposition zum tragen, wo er meist über die linke Seite agiert. Der Rechtsfuß kann jedoch aufgrund seiner hohen spielerischen Klasse auch rechts oder als hängende Spitze aufgestellt werden.

Ausfahrt Russland
Von null auf Hundert in wenigen Monaten, denn Centurión debütierte erst im Juni letzten Jahres. 2.040 Pflichtspielminuten später flattern mehrere Angebote europäischer Vereine auf den Tisch von Gastón Cogorno, Präsident des Traditionsklubs aus Avellaneda. Der FC Porto und Benfica Lissabon galten lange als die aussichtsreichsten Kandidaten auf eine Verpflichtung, letztlich erzielte man Einigung mit Anschi. Der Verein aus dem Nordkaukasus wurde erst 1991 gegründet und ist somit nur zwei Jahre älter als ihr Neuzugang, der sich ab dem kommenden Sommer gegen starke Konkurrenz durchsetzen muss. In Machatschkala, Hauptstadt der russischen Teilrepublik Dagestan, kauft sich der russische Oligarch Suleiman Abusaidowitsch Kerimow eine schlagkräftige Truppe zusammen. Neben Superstar Samuel Eto’o stehen dort auch Lassana Diarra (Real Madrid), Juri Schirkow (FC Chelsea) und der ehemalige Herthaner Christopher Samba unter Vertrag. Allein für dieses Quartett investierte Kerimow 61 Millionen Euro. Im letzten Jahr beendete der vielleicht beste Linksverteidiger aller Zeiten, Roberto Carlos, seine aktive Karriere bei Anschi und fungierte zudem als Spielertrainer. Ein Argentinier fehlte dem kommenden Europa League Gegner von Hannover 96 noch.

Doch ob der junge Ausnahmetechniker imstande ist, an seine gezeigten Leistungen anzuknüpfen, ist sehr fraglich. Wie so oft bei jungen Spielern stellt sich die Frage, ob Sie den Schritt ins Ausland überhaupt gehen können, ob sie mental dazu bereit sind und inwiefern sie sich in ihrem neuen Umfeld zurechtfinden. Genau an diesem Punkt könnte es hapern. Centurións bisheriges Leben konzentriert sich eigentlich nur auf sein Viertel, unweit davon befinden sich Racings Stadion und das Trainingszentrum. Er ist ein Typ aus dem barrio, dem Kiez, sein aktueller Wohlfühlfaktor könnte nicht höher sein. Dort ist er Wachiturro und genau das zeigt er Sonntags auf dem Platz, wenn er zum Alptraum gegnerischer Abwehrreihen avanciert. Die Gefahr ist groß, dass fernab der Heimat die Leichtigkeit seines Spiels abhanden kommt. Das große Geld, das er bei Anschi sicherlich verdienen wird, und die historische Ablösesumme, die ihn zum teuersten Transfer der Klubgeschichte emporsteigen lässt, ist ihm zwar nicht mehr zu nehmen, doch andererseits könnte es auch der Wendepunkt seiner bisher so steilen wie kurzen Karriere sein.

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4 Antworten zu “Wachiturro Centurión – ein Dribbling kommt selten allein

  1. Befürchte der Transfer kommt für Wachiturro etwas zu früh, wird in Russland ganz schwer. Na ja, für Racing stimmt dafür die Kasse.
    Hoffe er zeigt eine tolle Rückrunde und Racing gewinnt den Titel, :-).

  2. Shit, er scheint die Rückrunde nicht mehr bei Racing zu bleiben, :-(.

  3. Bei der medizinischen Untersuchung wurde ein genetisch bedingtes Problem im Knöchel festgestellt. Wachiturro soll nun in Russland bleiben und vor Ort behandelt werden. Ansonsten würden die Russen vom Deal zurücktreten.

  4. Pingback: Der Ball rollt wieder: Alles Wissenswerte zum Torneo Final 2013 | Argentinischer Fußball auf Deutsch

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