Ein Lausbub bei den Bierbrauern von Quilmes

Die ersten Stadionbesuche im Leben eines Fußballfan macht man traditionell mit einem Familienmitglied. Sei es der Opa, der Onkel, der große Bruder, jedoch meistens ist es der Vater. In unserem heutigen Gastbeitrag erzählt uns Boca-Fan und Kolumnist Christoph Wesemann von seinem Stadionbesuch in Quilmes gegen Tabellenführer Newell´s Old Boys und wie er dabei seinen eigenen Sohn an die Heimmannschaft verlor.

Floh

Illustration: Daniel Schlierenzauer

Seit mein Sohn bei den Cerveceros gewesen ist, hat er Läuse. Wegen der angedeuteten Kausalität zwischen der Cancha von Quilmes und dem Kopfkratzen des siebenjährigen Kolumnistenkindes könnten mich die Bierbrauer aus der kleinen Stadt im Speckgürtel von Buenos Aires locker verklagen. Ich habe nämlich keine Beweise, ich kann nur sagen: am Abend Estadio Centenario, am Morgen Pediculus humanus capitis.

Was muss sich mein Sohn auch immer ins Getümmel stürzen?

Ich bin eher der Typ „Haupttribüne mit Schoßwolldecke“, eigentlich gehöre ich, was meine Selbstwahrnehmung betrifft, sogar in die VIP-Loge zu den ergrauten Stars und den falschen blonden Hasen. Und so passt zu mir auch nur ein argentinischer Fußballverein, der größte, wichtigste, bekannteste von allen, la mitad mas uno: Club Atlético Boca Juniors. Leider geht es mit Boca bergab, seit ich Fan bin, da gibt es nicht zu diskutieren.

Nun habe ich als Vater auch einen Bildungsauftrag. Mein Sohn soll, so sehe ich das, den argentinischen Fußball, der in diesem Land ja weitgehend das Leben bestimmt, vollständig begreifen. Als wir noch in Berlin lebten, hat er sich nicht sonderlich für Fußball interessiert, was vielleicht an seinem Alter lag, vielleicht aber auch an Hertha BSC. Jetzt will er am liebsten jedes Wochenende in ein anderes Stadion, wir waren schon bei Vélez Sársfield, bei River und natürlich in der Bombonera. Wir haben vor, bis zu Platense abzusteigen, also dritte Liga.

So sind wir zum Quilmes Atlético Club gekommen. Die Mannschaft aus der Bierbrauerstadt spielt für den Porteño, den Bürger von Buenos Aires, gefühlte zweite Liga. Man soll sich also für die Reise rechtfertigen, was man natürlich unterlässt. „Gott ist überall, aber seine Sprechzeiten hat er in Buenos Aires“, sagt der Porteño nämlich gern. Wer so denkt, ist ohnehin nicht davon abzubringen, dass das Niemandsland – auch das des Fußballs – an der Stadtgrenze beginnt.

Wir erreichten das Estadio Centenario und kauften trotz schönstem Fritz-Walter-Wetter keine Tribünenkarten. Mein Sohn will immer stehen, auch wenn’s regnet, und all das, was mir schon Angst macht – unvollständige Zahnreihen, Tätowierungen, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Rauch und Böller, Frauen mit Kurven in Kurven –, zieht ihn noch an.

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14. Spieltag in Argentinien: QAC – NOB. Beide Fanlager sind für ihren erstklassigen Support bekannt. Die Fans aus Rosario, la hinchada mas popular, träumen vom 6. Meistertitel, während die Cerveceros aus Quilmes nicht absteigen wollen.

Uns gegenüber standen 4.500 Fans von Newell’s Old Boys aus Rosario. Der Block hatte sich schon formiert, da war keine Lücke mehr. Man stimmte übereifrig den Chor. Tja, Tabellenführer. Streber! Wir waren noch nicht so weit. Bei uns wurden blaue und weiße Luftballons für Kleinkinder aufgeblasen, die noch das Laufen lernen, Brüste wurden zum Stillen ausgepackt und – so weit ich das beobachten konnte – auch gut angenommen. Das ging zu wie vorm Ikea-Småland in Berlin-Spandau! Aber nicht umsonst gilt Quilmes als Familienklub.

Immerhin: Weiter oben, im Unterstand des Oberrangs, wurde Gras zerpflückt und ausgerollt. Es ist doch immer wieder erstaunlich, im Stadion zu sehen, was die Kontrollen der argentinischen Polizei am Eingang überstanden hat (Drogen aller Art) und was eben nicht (Fanta Orange).

Mein Sohn hatte sich inzwischen eine Fahne gegriffen und schwenkte sie bereits, und zwar direkt neben den Trommlern und Trompetenspielern. Grundregel für Anfänger: Wo die Musik ist, ist auch der innere Kreis. Und bevor man sich bei der Barra Brava einreiht und eine Fahne ausleiht, sollte man mindestens schon einmal vorgesungen haben.

„Was hab ich gesagt?“

„Nichts anfassen.“

„Genau. Bosteros verhalten sich im fremden Revier unauffällig.“

„Aber, Papa, da liegen ganz viele Fahnen rum.“

„Aber die gehören uns nicht.“

„Dann frag doch mal.“

„Nein.“

„Dann frag ich.“

„Nein!“

Als das Spiel angepfiffen wurde, hing er schon affenartig am Zaun hinterm Tor, schaute auf den Rasen, dann wieder zur Hinchada der Cerveceros und verpasste so, wie Stürmer Ignacio Scocco, wer auch sonst, das 1:0 für die Rosarinos erzielte. Aber noch vor dem Halbzeitpfiff hatte er jeden Spieler der Newell’s Old Boys mindestens einmal als „puto“ („Stricher“) beschimpft. Ich bin einer dieser Väter, die so etwas stolz macht.

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Hier sind die Cerveceros zuhause: Der Stehplatzblock „Omar Indio Gomez

Ich finde, der Mensch braucht einen Ort, wo er fluchen darf. Bei uns ist dieser Ort: das Stadion. Und das Auto. Mein Arbeitszimmer. Sein Spielzimmer. Und wenn unsere drei Frauen gerade nicht da sind: die Wohnung. Wahrscheinlich hätte ich neulich einschreiten sollen, als er seiner eineinhalbjährigen Schwester den Fluch „La concha de tu hermana“, zwölfmal am Stück ins Deutsche übersetzt hat. Aber zum einen muss man bei drei Kindern mit seiner Autorität haushalten. Zum anderen sollen sie ja lernen, Dinge allein zu regeln. Die Kleine hätte doch nur aufhören müssen zu lachen.

Irgendwann in der zweiten Halbzeit beschloss mein Sohn, künftig Quilmesfan zu sein, und als er es mir unschonend beibrachte, stand es noch 1:0 für Ñuls. In dem Film „Los Cerveceros de Quilmes“ sagt der Anführer der Barra Brava: „Und wenn du gegen Boca oder River gewinnst, weißt du was? Dann bist du nicht Quilmes, sondern Barcelona!“ Und dabei glänzen seine Augen wie von innen befeuchtet.

Fünf Minuten vor Schluss glich Quilmes aus, und mein Sohn, der neue Hinchita, hampelte, als wäre der Zaun hinterm Tor plötzlich unter Strom gesetzt worden.

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Bis zum nächsten Mal im Centenario

Es kann übrigens sein, dass er seine Läuse gar nicht aus Quilmes mitgebracht hat, sondern sie schon länger mit sich herumträgt. Er will sie jetzt noch ein Weilchen auf dem Kopf behalten, um sie dann am 16. Spieltag nach Avellaneda ins Estadio Libertadores de América zu bringen und dort frei zu lassen. Independiente ist schließlich Quilmes härtester Konkurrent im Kampf um den Klassenerhalt.

„Aber, das wären noch 14 Tage, mein Liebling. Und bei mir fängt’s auch schon an zu jucken.“

„Dann müssen wir jetzt am Wochenende zum Auswärtsspiel der Stricher.“

„Zu Belgrano de Córdoba? Weißt du überhaupt, wo das liegt?“

„In Argentinien.“

„700 Kilometer weit weg von Buenos Aires.“

„Ist das viel, Papa?“

„Mein Junge, das überlebt keine Laus.“


Carlos GardelChristoph Wesemann lebt seit Juli 2012 mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Buenos Aires und berichtet regelmäßig im Argentinisches Tagebuch über das kunterbunte Leben in der Metropole am Rio de la Plata.

14 Antworten zu “Ein Lausbub bei den Bierbrauern von Quilmes

  1. Sohn Nr. 1 erfüllt mich mit Stolz !😉

  2. Reblogged this on BORRACHOS BORNHEIM and commented:
    Ein Erlebnisbericht aus Quilmes !!

  3. Super Bericht – das ist das schöne am Fussball(-Fan), der Lieblingsklub wird noch mit dem Bauch und nicht dem Verstand ausgewählt. Wobei man als Vater fast zu 100% sicher sein kann, dass seine Kinder sich einen anderen Lieblingsklub als der Vater zu legen,🙂.

  4. Ja, sind eigentlich keine großen Überraschungen dabei, außer vielleicht L. Biglia. Der soll wohl nächste Saison für Lazio Rom spielen. Und Erik Lamela wurde als so eine Art Messi-Ersatz nominiert, für den Fall das Leo nicht spielen kann. Das hat er sich nach seiner tollen Saison in der Serie A, mit 15 Toren auch verdient. Hauptsache es verletzt sich in den bedeutungslosen Restspielen der Saison nicht noch niemand.

  5. Apollonian Servant

    Eine wunderbare Erzählung…Ich freue mich immer wenn Kinder sich für sog. „kleine Vereine“ entscheiden!

  6. Ja, das war wirklich eine wunderbare Geschichte. Wie naiv und euphorisch der kleine Bub noch ist. Einfach goldig!🙂

    Ich freue mich schon auf die beiden Knallerspiele in der WM-Quali vs. Kolumbien und Ecuador. Hoffentlich wird Leo fit!!

  7. hat jemand ne INFO ob LEO morgen spielt ??????

  8. Leos verletztes Bein bereitet laut Sabella keine Probleme. Er hat außerdem die medizinische Freigabe erhalten.
    Allerdings darf man nicht vergessen, dass Leo seit rund 2 Monaten nicht mehr zu 100 % fit war. Ihm fehlen also Spielpraxis und Matchhärte. Ich schätze mal, dass er von Anfang an spielen wird. Zur HZ wird dann Montillo oder Lamela eingewechselt.

  9. Na dann kanns ja morgen losgehen….SIEG 3:1 !!!

  10. Die Kolumbianer sind nicht zu unterschätzen, vor allem seit Pekerman sie trainiert. Aber da ein Sieg heute Nacht wahrscheinlich schon zur erfolgreichen Quali reicht, muss er einfach her, egal wie und mit welchem Ergebnis! Adelante!

  11. Hab gerade bei „Ole“ gelesen das Messi wohl erstmal auf der Bank sitzen wird. So soll die Mannschaft auflaufen: Sergio Romero; Zabaleta, Federico Fernández, Garay, Rojo; Biglia, Mascherano, Di María; Montillo, Gonzalo Higuaín y Agüero.
    Vielleicht kommt Messi dann in der 2. Halbzeit. Trotzdem sind wir stark genug für einen Sieg!!

  12. Ja für’n Sieg reicht’s auf alle fälle…aber Messi als Kapitän ist wichtig …er strahlt Ruhe und Selbstvertrauen aus….und gibt die nötige Sicherheit!!!!

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