Diegos Festung hält – Argentinien fährt nach Südafrika!

Am Ende lagen sich alle in den Armen und sogar Maradona und Bilardo, die sich in den letzten Wochen als Protagonisten einer beispiellosen südamerikanischen Telenovela verdient gemacht hatten,  mochten sich zumindest für kurze Zeit wieder leiden und hüpften fröhlich gemeinsam über den Rasen Montevideos.  Kurz vorher hatte sich Argentinien mit einem knappen 1:0 Sieg (Bolatti, 84.) gegenUruguay für die Weltmeisterschaft in Südafrika qualifizert. Die Uruguayos müssen währenddessen gegen Costa Rica Überstunden machen, um sich doch noch das WM-Ticket zu sichern.

Es war eine gute Leistung der argentinischen Nationalmannschaft im Centenario von Montevideo. Eine gute Leistung, denkt man an die letzten Spiele der Albiceleste, an alle Spiele in der Eliminatoria unter Trainer Diego Maradona. Auch dieses Mal war es alles andere als ein Feuerwerk, das die Selección abgebrannt hat und schon gar nicht in der Offensive: ein Lionel Messi unsichtbarer denn je und Gonzalo Higuain der bis zu seiner Auswechslung in der 80. Minute in der Luft hing. Allerdings war das auch nicht anders zu erwarten: eine Aufstellung mit einem gelernten Innenverteidiger wie Otamendi auf der Außenbahn und Jonas Gutierrez als Kreativspieler verspricht nicht gerade Menotti-Fußball. Diego setzte ganz klar auf Defensive, auch als in der 80. Minute Mario Bolatti Higuian ersetzte blieb der Trainer seiner Linie treu:  ein fast identischer Wechsel hatte die Albiceleste gegen Peru noch die Führung gekostet, doch was am Samstag noch zum Desaster führte, wurde heute zum Glücksgriff.

Dass der in Europa wohl eher unbekannte Bolatti nach Gestochere im Strafraum schließlich für das Siegtor und die große Erlösung sorgte, stand stellvertretend für das argentinische Spiel, denn in 90. Minuten erarbeiteten sich die Gauchos nicht eine echte Chance und hatten in den ersten zwanzig Minuten mehrmals Glück, bevor sich die neuformierte Abwehr um den guten Routinier Rolando Schiavi und Bayern-Verteidiger Martin Demichelis, einigermaßen fand. Fortan gelang es Argentinien die Uruguayos zu neutralisieren, sowohl Diego Forlan als auch Luis Suarez  von Ajax Amsterdam machten weniger Probleme als vorher zu erwarten war.

Als dann zu Beginn der zweiten Halbzeit die Nachricht von Ecuadors Rückstand in Chile die Runde machte, gingen die Uruguayos nochmal volles Risiko und Trainer Tabarez brachte mit Edison Cavani einen dritten Stürmer. Maradona reagierte mit dem defensiven Monzón für Di Maria und später eben Bolati für Higuain. Von den Rängen schallten Hohn und Spott fürs Nachbarland: „El Diego se cagó, el Diego se cagó“ („Diego hat sich in de Hosen gemacht“).

Doch diesmal ging die Taktik auf und Chefdiplomat Maradona nutzte seinen ersten nennenswerten Erfolg als Trainer einer Profimannschaft zur Abrechnung mit der heimischen Presse: „Ich erinner` mich an alles, hermano. An euch alle die ihr nicht an mich geglaubt habt, ihr könnt mir alle einen lutschen. Und lutscht und lutscht weiter, ihr habt mich alle wie Dreck behandelt“, ließ El Diez Frust ab. Die Kritik die in den letzten Wochen und Monaten auf ihn einprasselte, war Argentiniens liebstes Kind bislang nicht gewöhnt. Nun ist Diego in Diegos Welt aber wieder der Größte und das zu erwartende böse Erwachen bis zur Weltmeisterschaft vertagt.

Realistischer ordnete Juan Sebastian Verón die Qualifikation der  Selección ein: „Wir sind Argentinien und haben mit der Qualifikation nicht mehr als unsere Pflicht getan“, spielte la Brujita den Partymuffel, „wir haben in den letzten Spielen fast alles falsch gemacht und das darf jetzt nicht unter den Teppich gekehrt werden“. Und tatsächlich besteht bei der Selección Sprachbedarf, denn auch wenn Argentinien eine der traditionellen Fußballnationen ist und mit Lionel Messi den wohlmöglich besten Spieler der Welt in den eigenen Reihen hat, wird man ohne Hierarchie, taktisches Konzept  und Spielkultur in Südafrika nichts reißen können.

Was letztendlich unter dem Strich steht: Argentinien ist in einer weitestgehend qualvollen Qualifikation durch eine beherzte Leistung in Uruguay gerade noch so auf den Weltmeisterschaftszug aufgesprungen, jedoch ist die Albiceleste, bei aller Euphorie, trotz individueller Klasse in dieser Form nicht mehr als Kanonenfutter für Top-Teams wie Spanien, Brasilien oder England. Es gibt noch viel zu tun für Diego Armando Maradona, bleibt zu hoffen, dass auch der das weiß und nicht erst im Juni 2010 aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Uruguay: Muslera; Lugano, Cáceres, Gargano (Cebolla Rodríguez 71.); Scotti; Diego Pérez, Maxi Pereira, Alvaro Pereira; Jorge Rodríguez (Cavani 59.); Suárez (Abreu 77.); Forlán.

Argentinien: Romero; Otamendi, Schiavi, Demichelis, Heinze; Mascherano, Verón, Jonás, Di María (Monzón 76.); Messi (Tévez 86.);  Higuaín (Bolatti 80.)

Tore: 0:1 Bolatti (84.)

Platzverweise: Martin Caceres, Uruguay (Gelb-Rot, 83.)

Etienne

2 Antworten zu “Diegos Festung hält – Argentinien fährt nach Südafrika!

  1. Angesichts des Drucks und der letzten Ergebnisse eine wirklich starke Leistung. Sehr diszipliniert und konzentriert.
    Ob Argentinien Kanonenfutter für andere ist bei der WM bleibt abzuwarten. 2002 hatte man eine ganz tolle Quali gespielt und schied dann in der Vorrunde aus. Auch 1998 und 1994 schied man mit tollen Teams frühzeitig aus.
    Also vielleicht ist es ganz gut, einmal nicht als Favorit an zu reisen.

  2. Don Diego Armando de la Vega

    Vollkommen richtig. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie Argentinien 2002 gefloppt ist. Zwei Jahre lang hatten die alles weggeballert und flogen dann in der Vorrunde raus. Vielleicht läuft es dieses Mal anders. 1994 hatten die Gauchos auch Mühe in der Quali, bei der WM hatten sie dann die beste Mannschaft, die vielleicht nur mit Brasilien 1970 vergleichbar war. Leider nur für zwei Spiele …

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