Nach den Präsidentschaftswahlen bei Newell’s Old Boys: Ein Traditionsverein in Trümmern

„La pelota no se mancha“ – der Ball befleckt sich nicht. So fasste kein geringerer als Diego Maradona bei seinem Abschiedsspiel rückblickend seine Karriere und vielleicht sogar den ganzen argentinischen Fußball zusammen. Skandale, Korruption und Gewalt mögen manchmal den Spielbetrieb behindern. Aber der Ball rollt weiter, das runde Leder bleibt sauber. Was aber, wenn nicht einmal mehr Fußbälle vorhanden sind? So geschehen bei den rotschwarzen Newell’s Old Boys in Argentiniens drittgrößter Stadt Rosario.

Noch in der Nacht nach den ersten Präsidentschaftswahlen nach 14 Jahren, bei denen sich unter großer Erleichterung das Ende des Despoten Eduardo José López als Chairman der Newell’s Old Boys ankündigte, fuhren am Stadion im Parque de la Independencia vier Lastwagen vor. Die dem Präsidenten nahestehende Barra Brava von Newell’s, räumte die gesamte Geschäftsstelle leer. Die Polizei in Rosario berichtete am Morgen danach, dass alle Computer und Videogeräte, Schreibtische und sonstige Büroutensilien ausgeräumt worden waren. Ebenso waren vom Trainingsgelände nahezu alle Trikots der Jugendabteilungen, Tore und sämtliche Fußbälle verschwunden. „Wenn ich die Wahlen verliere, hinterlasse ich einen funktionierenden Verein“ hatte López einige Wochen zuvor bei seiner ersten öffentlichen Pressekonferenz während seiner autoritären Herrschaft angekündigt.

Eduardo López

14 Jahre Alleinherrschaft bei Newell`s: Eduardo López

Die Situation, die die Opposition um den Gegenkandidaten Guillermo Lorente vorfand, entsprach dem kompletten Gegenteil. Keinerlei Mitgliederlisten, keine Spielerverträge, keine Sparbücher oder Kontounterlagen sind vorhanden. Also nicht nur Diebstahl, auch blinder Vandalismus und ein administratives Schlachtfeld bremste die Freude des Movimiento Leproso Social y Popular (MOLE), das jahrelang für einen Führungswechsel beim fünfmaligen argentinischen Meister kämpfte. Selbst die Stromgeneratoren waren abtransportiert worden. Generatoren? Unter Eduardo López wurde in 14 Jahren keine einzige Stromrechung des Vereins bezahlt.

Im Dezember 1994 gewann Lópe$, so die Schreibweise seines Namens im englischsprachigem Blogspot über Newell’s The Offside, mit seiner Vereinigung Solidez Institucional (!) die Wahlen mit 1600 gegenüber 1400 Stimmen. Kein klarer Vorsprung, aber bei der oft verschwindend geringen Wahlbeteiligung bei den basisdemokratischen Präsidentschaftswahlen in den argentinischen Klubs kann ein solcher Unterschied über Jahre die Vereinspolitik beeinflussen. Zum Vergleich: Bei den letzten Wahlen bei den Boca Juniors, die der mittlerweile verstorbene Pedro Pompilio gewann, fanden sich ebenfalls nur 20% der 45.000 berechtigen Mitglieder zur Stimmabgabe zusammen.

Lopéz war bereits damals ein umstrittener Charakter, bekannt für zwielichtige Geldgeschäfte, verurteilt wegen der Organisation von illegalem Glücksspiel. Aber durch sein Netz von politischen Beziehungen, unter anderem zum ehemaligen Bürgermeister von Rosario und heutigem Gouverneur der Provinz Santa Fé, Hermes Binner, oder zum früheren Bocapräsidenten und jetzigem Bürgermeister von Buenos Aires Mauricio Macri, wusste er es, sein Macht abzusichern. Ebenso ist López der Besitzer eines Radiossenders und während seiner Amtszeit sicherte er sich die mehrheitlichen Anteile an der rosarinischen Tageszeitung El Ciudadano. Da in Argentinien die Wahlen in den Vereinen rechtlich vom Staat abgesegnet werden müssen, war ihm die Connection zu Binner eine große Hilfe, als er 1997, 2000 und 2004 den Urnengang durch bürokratische Jonglage verhinderte. Mit Macri vereinbarte er einige Kuhhandel bei Transfers, die Lópe$ wohl großes Geld – und Newell’s vielleicht kurzfristig kleine Summen in die Kassen spülte. So wechselte 1997 Walter Samuel für nur 1,6 Millionen Dollar zu den Boca Juniors, bevor diese ihn kaum zwei Jahre später für mehr als das zehnfache nach Italien transferierten. Ebenso berichtete Argentiniens größte Tageszeitung Clarín im Juli 2006, dass Macri es schaffte, Nery Cardozo und Nicolás Burdisso ohne einen einzigen (offiziellen) Cent aus Newell’s erfolgreicher Jugend zu Boca zu locken, obwohl beide zum Zeitpunkt ihrer Wechsel U17 -Nationalspieler waren und kaum ein Verein in Argentinien solche Rohdiamanten einem nationalen Konkurrenten überlässt. Unter López wurden auch die Schwimm-, Judo- sowie die Basketballabteilung des Klubs aufgelöst. Den vermeintlichen Rückhalt bei den Fans sicherte sich Eduardo López 2000 durch eine kuriose Maßnahme: Die „Stadionmitgliedschaft“ (die im Gegensatz zur ‚normalen‘, nicht die Nutzung aller sozialen Einrichtungen des Klubs, sondern nur den Stadionbesuch zulässt) war plötzlich gratis. Jeder Fan von Newell’s konnte die Heimspiele der Leprosos kostenlos besuchen! Brot und Spiele…

Unterdessen witterte eine wachsende Opposition die möglichen Folgen der Seifenblase. Zwar sickerten hin und wieder Meldungen über ungedeckte Schecks durch den Presseboykott, aber die von López finanzierte Barra Brava – eine bis zu 300 Mann starke, hierarchisch organisierte und gewaltätige Einsatztruppe, unterdrückte, verteilt auf allen Tribünen im Stadion, jegliche Kritik am Präsidenten López. Aber Argentinier sind grundsätzlich politische Rebellen und dies erst Recht, wenn es sich um ihren Verein handelt. Mit Marcelo Bielsa, ehemaliger Spieler und Trainer des Vereins und Ex-Coach der Nationalmannschaft, sowie dessen Bruder Rafael, Schriftsteller und ehemaliger Außenminister der Regierung Kirchners, gewann das MOLE an Mut und Aufmerksamkeit. Die Unterschriften von 2% der 25.000 offiziellen Vereinsmitglieder für eine Kandidatur der Opposition und dadurch vorangetriebenen Neuwahlen waren nicht schwer zu organisieren.

Aber Eduardo López, der „letzte Diktator des Landes“ wie Rafael Bielsa ihn öffentlich bezeichnet, holte in diesen Monaten zum finalen Schlag aus. Eine Gegendemonstration des MOLE wurde Anfang des Jahres verhindert, in dem die Barra brutal alle Zugangstraßen zum Treffpunkt blockierte. Telefonterror und öffentliche Drohungen durch Graffitis an den Häuserwänden Rosarios waren noch die harmloseren Maßnahmen. Zuletzt wurde die Bäckerei der Mutter eines MOLE- Aktivisten verwüstet und ein unbeteiligter Junge im Kugelhagel verletzt.

Und López hatte sich einen letzten Joker im Ärmel behalten: Um wählen zu können, mussten die Mitglieder die

López-Gegner fordern Demokratie bei Newell`s

López-Gegner fordern Demokratie bei Newell`s

Beiträge der letzten 4 Monate (rund 150 arg Pesos) bezahlen. Nur da seit Jahren keiner im Verein irgendetwas bezahlte, ließ López nur seine Gefolgschaft die Schulden auf dem Papier begleichen, während die kantigen Herren der Barra Brava jeden zahlungswilligen Anhänger von Newell’s von der Geschäftsstelle vertrieben.

Aber die Opposition ließ sich nicht unterdrücken und Marcelo Bielsa höchstpersönlich, heute Nationalcoach in Chile, war es, der am 14. Dezember noch vor Öffnung der Wahllokale am Stadion anwesend war um als Erster abzustimmen. Abgesichert wurden die Wahlen von 1100 Polizisten, etwa das Aufgebot, dass für 40.000 Fans im brisantesten Derby Argentiniens zwischen Newell’s und dem Lokalrivalen Rosario Central benötigt wird.

Der Anwalt Guillermo Lorente sollte sich mit 3967 gegen 1967 Stimmen durchsetzten und für einen Abend herrschte

bei den wahren Fans der Rotschwarzen pure Freude. Am Tag danach die Ernüchterung: „ Newell’s ist Kosovo“, beschrieb Lorente gegenüber der Sportzeitung Olé die Situation, denn nicht nur, dass der Verein komplett ausgeräumt wurde, auch wurden die Spieler seit September nicht bezahlt und die übrigen Angestellten des Klubs, die meisten von ihnen ohne Arbeitspapiere, haben sogar seit einem halben Jahr keinen Lohn gesehen. Newell’s muss neu aufgebaut werden, bisher eher institutionell als sportlich. Aber der aus Rumänien ausgeliehene Gehaltskrösus und Publikumsliebling Fabbiani, kündigte bereits wider Willen seinen Abgang an. Doch die Liebe der Argentinier zu ihrem Verein ist unermesslich und kann Berge versetzen. Außerdem hinterlässt verbrannte Erde manchmal fruchtbares Land. Ein Sportartikelhersteller hat eine sofortige Spende von 180 Fußbällen zugesagt.

Viktor Coco

3 Antworten zu “Nach den Präsidentschaftswahlen bei Newell’s Old Boys: Ein Traditionsverein in Trümmern

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