Dátolo in Neapel: Jesus‘ Latschen in Diegos Fußspuren?

Am frühen Samstag Abend lieferten sich Juventus Turin und der SSC Neapel ein Topspiel in der italienischen Serie A: Nachdem Juve 2:0 in Führung lag, konnte Napoli das Spiel noch drehen und gewann 3:2. Es war der erste Sieg für Neapel in Turin nach 21 Jahren. Damals brillierte im himmelblauen Trikot Diego Armando Maradona. Auch am Samstag war der Heilsbringer ein Argentinier: Der 25 jährige Jesús Dátolo. Grund genug für Argifutbol, ihn in unserer wöchentlichen Serie Argentinische Legionäre genauer vorzustellen.

Die Parallele ist eine Steilvorlage für klebrige Christus Rhetorik: Damals D10S, der Fußballgott Maradona. Heute: Nomen est omen. Jesus ist am Ort Maradonas größter Verehrung erschienen. Da aber am Fuße des Vesuvs seit Diegos glorreichen Achtzigern jeder Argentinier wie ein Messias verehrt wird, muss man Datolos Werdegang diffenrenzierter betrachten. Denn eigentlich kam er bereits zu spät nach Neapel. Dort wurde vor zwei Jahren sein Landsmann Ezequiel Lavezzi beweihräuchert, als wäre er Maradonas Sohn. El pocho Lavezzi sorgt seitdem im Sturm der Neapolitaner für Torgefahr und sein Vertrag wurde unlängst bis 2013 verlängert. Aber die ganz großen Wunder blieben aus und so folgte ihm ein Jahr später der damalige Torschützenkönig der argentinischen Liga Germán Denis, behaftet mit dem wenig biblischen Namen el tanque – der Panzer. Die Beiden bilden mit dem im Januar 2009 verpflichteten Jesús Dátolo das Triumvirat an der Spitze einer südamerikanischen Armada in Neapel, die phasenweise neun Spieler zählte.

Jesús Datolo Aber Datolo, geboren in einem kleinen Städtchen in der Provinz Buenos Aires, hatte in seinem ersten Halbjahr unter dem damaligen Trainer Donadoni keinen guten Stand. Mal äußerte sich der Coach skeptisch, dass es sich bei ihm um eine Verpflichtung nach Wunsch des mächtigen Klubpräsidenten De Laurentiis handelte. Oder es wurden Stimmen über Grabenkämpfe zwischen den Latinos und den Italienern im Klub laut. Dazu kam im September diesen Jahres eine Anekdote, die Uli Hoeneß wahrscheinlich zu einem Herzinfarkt getrieben hätte: Dátolo verpasste am 3. Spieltag der Serie A das Duell von Neapel gegen Genua, weil er nach einer Länderspielpause nicht aus Argentinien ausreisen konnte. Ein Funktionär des argentinischen Verbandes hatte seinen Reisepass verschlampt.

Dátolos lief kurz zuvor in seiner Heimat zum zweiten Mal in seiner Karriere in der Nationalmannschaft auf und hatte bei der Niederlage der Albiceleste in Rosario gegen Brasilien sogar den zwischenzeitlichen Anschlußtreffer erzielt. Ein sehenswerter Kracher des linken Mittelfeldspielers:

Und auch wenn er bei dem elendigen Auftritt der Argentinier noch einer der besseren war, wird er sich bis zur Weltmeisterschaft noch einen harten Konkurrenzkampf auf seiner Position liefern müssen. Er gilt als etwas defensivere Variante für den fast als Außenstürmer agierenden Di Maria, hat aber desweiteren mit Jonás Gutiérrez von Newcastle United einen seiner Spielweise ähnlichen Mitstreiter. Für das kommende Testspiel der Argentinier gegen Spanien am 14. November in Madrid hat Maradona nun auch noch den lange ignorierten Routinier Estebán Cambiasso berufen. Scheinbar keine gute Ausgangsposition für den nicht nominierten Dátolo, der ein Spieler zu sein scheint, dem man vollsten Vertrauen schenken muss, damit er seine Leistung abrufen kann. Als Maradona ihn beim Freundschaftsspiel Anfang des Jahres gegen Russland debütieren ließ, bedankte er sich zwanzig Sekunden nach seiner Einwechslung bei seinem ersten Ballkontakt mit einem Tor. Er feierte es emotional völlig aufgelöst in dem er seinen Coach herzlichst zu Boden bouncte.

Dátolo bei Banfield Vielleicht ist Dátolos sensibler Charakter dadurch zu erklären, dass er nicht in einer sterilen Kaderschmiede der Topklubs die Jugendmannschaften durchlief, sondern erst relativ spät mit 17 Jahren seinen Heimatverein, den Drittligsten Cañuelas, und damit auch das Elternhaus und seine 9 Geschwister verließ. Er wechselte in das ruhige Umfeld von C.A. Banfield, einem der kleinen Erstligaverein in der südlichen Peripherie der argentinischen Hauptstadt. Dort wurde er Meister in der Reserverunde der Profiklubs und konnte sich auch in der Folge in der ersten Mannschaft des Taladro schnell einen Stammplatz erkämpfen. Sein sauberes Dribbling und seine impulsiven Vorstöße in die gegnerische Hälfte brachten ihm schnell einen Ruf im ganzen Land ein. Im Juli 2006 wechselte er zwei Jahre nach seinem Profidebüt zu Boca Juniors. Aber während er bei Banfield zuletzt mit der Nummer 10 aufgelaufen war und immer wieder fulminante Freistoßtore erzielen konnte, landete er bei Boca in einem für ihn anfänglich unerträglichen Haifischbecken. Übernervös zeigte sich der Linksfuß bei seinen wenigen Kurzeinsätzen und schnell hatte er sich den Unmut der Fans zugezogen. Als Spieler von Boca die Pfiffe der Bombonera gegen sich zu haben gleicht einer Abschiebung. Nachdem er mit Boca 2007 als Ergänzungsspieler die Copa Libertadores gewann, sollte er Anfang Januar 2008 den Verein in Richtung Colo Colo nach Chile verlassen. Man erzählt sich, dass er damals unter Tränen hinter verschlossenen Türen den damaligen Präsidenten von Boca und mittlerweile verstorbenen Pedro Pompilio angefleht haben soll, ihm noch eine Chance zu geben. Der gutmütige Pompilio tat genau dies und Dátolo nutze sie:  Mit ihm als Schlüsselfigur wurde Boca Meister im Torneo Apertura 2008. Wenige Monate später trat er für eine Transfersumme für 8,3 Millionen Dollar den beschriebenen Weg nach Neapel an.

Dort scheint er nach dem Sieg gegen Juventus endgültig angekommen zu sein. Nach seiner Einwechslung in der 59. Minute dauerte es wieder einmal nur wenige Sekunden, bis er sich auf der linken Seite durchsetzte und zum Anschlußtreffer auf Hamzik flankte. 5 Minuten später sorgte Jesús Dátolo selbst mit einem Abstauber im Fünfmeterraum für den gefeierten Ausgleich gegen Italiens Rekordmeister. Neapel gewann schließlich das Spiel noch 3:2 und die italienische Presse feiert die starke Leistung der drei Gauchos als „Festa Argentina“. Neapels Präsident De Laurentiis erklärte völlig euforisch über Dátolo: „Wer wagt es nun noch zu bezweifeln, dass dieser Junge mysteriös ist?“ Wir nicht.

Viktor Coco

Am Wochenanfang stellen wir euch bei Argifutbol immer einen argentinischen Spieler vor, der am Wochenende in Europa für Furore gesorgt hat. Letze Woche ging es um den Dortmunder Lucas Barrios, davor warfen wir einen Blick auf Franco di Santo von Blackburn Rovers.

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