Ein Porträt des Grauens: Julio H. Grondona oder das Big Man Prinzip


Die argentinische Liga beginnt voraussichtlich eine Woche später als vorgesehen am 22. August. Der bestehende Fernsehvertrag wurde auf Drängen des Verbandspräsidenten von Seiten der Klubs gekündigt und glaubt man den Pressemeldungen dieser Tage, hat es Don Julio sogar geschafft, die neuen Übertragungsrechte der Regierung zu verkaufen, damit alle Spiele der Primera División im öffentlichen Fernsehen gezeigt werden können. Um zu verstehen wer dieser allmächtige Präsident der AFA überhaupt ist, hier sein Porträt des Grauens.

Als der Klub Arsenal de Sarandí am 5. Dezember 2007 im Final-Rückspiel gegen C.F. América die Copa Sudamericana gewinnt, ist das Stadion Juan Domingo Perón nicht einmal zu ¾ gefüllt. Und das, obwohl durch Arsenals Vereinsführung im Vorfeld auch Sympathisanten von den zwei Stadtteil- Nachbarn Racing und Independiente eingeladen wurden und auch Anhänger von Boca Juniors ihren Besuch angekündigt hatten. Für die wenigen wahren Fans von el arse aus dem Süden von Buenos Aires, war dieser Triumph dennoch eine Sensation, denn sie feierten den ersten Pokalgewinn überhaupt für den jüngsten argentinischen Erstligisten, der im Januar 1957 von den Gebrüdern Grondona in Avellaneda gegründet wurde. Racings Hellblau und Independientes Rot sind die Farben von Arsenal

Julio und Héctor entliehen sich das himmlische Blau und das höllische Rot der beiden großen Klubs aus Avellaneda und planten von nun an den akkuraten Aufstieg ihres Vereins. Bis 1976 war Julio Humberto selbst Präsident und heute trägt auch das Stadion von Arsenal in Sarandí seinen Namen. Grondona wechselte im direkten Anschluss für fünf Jahre auf den Präsidentensessel von Independiente und hatte damit eine weitere Stufe der Karriereleiter als Fußballfunktionär genommen, dessen Zenit er in den Folgejahren erreichen konnte und scheinbar nicht verlassen will. Heute ist Julio Grondona Vize-Präsident der FIFA und seit über 30 Jahren alleiniger Herrscher über den argentinischen Fußballverband AFA.

Kein Scherz: Julio Grondona trägt einen Goldring mit der Aufschrift "Todo pasa"

Ende der Siebziger, so beobachtet Ezequiel Fernandez Moores in seinem mit Jens Weinreich herausgegebenem Buch „Korruption im Sport“, als Julio H. Grondona diesen Posten übernahm, erschienen zwei ähnlich bedeutende Persönlichkeiten auf der Bühne der Weltöffentlichkeit: Karol Wojtyla wurde Papst und Diego Maradona wurde Fußballgott. Dessen Profikarriere endete 1997, Johannes Pauls 2005, nur Grondona überlebt sie alle: Todo pasa, „alles geht vorüber“, ist sein in einen Goldring eingraviertes Lebensmotto.

Grondona kam nach der WM ’78 in der Blütezeit der argentinischen Militärdiktatur an die Macht und hielt sich bis heute, während seit dem das Land vierzehn verschiedene Präsidenten regierten, den nationalen Fußball acht Spieler- und drei Schiedsrichterstreiks erschütterten und 135 Fans in den Stadien den Tod fanden. Siebenmal wurde Julio Grondona wiedergewählt und kurioser Weise gab es nur ein einziges Mal einen Gegenkandidaten, der 1991 genau eine mutige Stimme bekam: Die des Präsidenten von Racing. Wer die Geschichte des argentinischen Fußballs weiterverfolgt, erfährt dann, dass Racing wenige Jahre später Pleite ging und sich erst im vergangenen Jahr aus den Zwängen einer aus der Konkursmasse gegründeten Kapitalgesellschaft lösen konnte.

Verträge für Freunde

Verbandspräsident nach der Weltmeisterschaft '86 in Mexiko

Julio Grondona schaffte es Schritt für Schritt seine Macht durch ein verwobenes Netz von Geschäftsbeziehungen und Männerfreundschaften abzusichern und immer weiter auszubauen. So ist er direkt oder indirekt an verschiedenen argentinischen Konzernen beteiligt, die am argentinischen Fußball kräftig mitverdienen. Oder er schließt im Namen der AFA Verträge ab, die von Buenos Aires bis Zürich nach Schmiergeld stinken. Zum Beispiel sind die TV-Rechte für den argentinischen Fußball quasi monopolisiert, denn Grondona verkaufte sie 1985 an die Mediengruppe Torneos y Competencias (TyC) und stattete sie mit einem Vertrag bis 2014 aus. Weltrekord für die längste Vertragslaufzeit! Ähnlich verhökerte er die Eventorganisation von 24 Freundschaftsspielen der Selección, allesamt auszutragen in Nordamerika oder Europa, zwischen der WM 2006 und 2010. 18 Millionen Dollar soll die AFA dafür kassiert haben, von einer unbekannten Gesellschaft mit russischem Kapital, das anonym in der Schweiz gebunkert wird.

Aber wenn es sein muss, kündigt er auch großspurig den Schulterschluss mit dem Volk an, wenn er an der Seite der Regierung den Argentinos „gratis Fußball“ und Freundschaftsspiele der Nationalelf in allen Landesteilen verspricht. Eine gut-geplante Werbetournee, denn schließlich müssen die Tickets für die Spiele für die WM in Südafrika beworben werden. Vor dem Turnier 2006 in Deutschland wurden mehr als die Hälfte der 6000 Eintrittskarten, die der argentinische Verband von der FIFA bekam, über das Reiseunternehmen Rotamund Viajes verkauft. Nach Informationen von Christian Sanz von der unabhängigen Zeitung Tribuna de Periodistas ist Julio Grondona selbst einer der Teilhaber von Rotamund; eingebettet waren die Wertpapiere übrigens in sündhaft teure Reisepakete mit Flug und Hotel, die durchschnittlich etwa 4500€ kosteten, was mehr als dem zwölffachen Monatsgehalt eines argentinischen Angestellten entspricht.

Erkaufte Loyalität

Gleichzeitig schob er hunderte Tickets Vereinsfunktionären zu, um sich dessen Rückendeckung in jeglicher Hinsicht zu sichern. Überhaupt ist es bewundernswert, wie Grondona es im Tagesgeschäft erreichen konnte, alle argentinischen Profiklubs hinter- beziehungsweise unter sich zu vereinen. Kaum ein Klubpräsident äußert sich gegen ihn, denn zu viele von ihnen profitierten in der Vergangenheit davon, dass Grondona den Vereinen in finanziell kritischen Situationen Geld für „Sonderfälle“ bereitstellt. So rettete er mit AFA-Geldern diverse Klubs vor dem Ruin, was unter anderem dazu führte, dass heute die argentinischen Vereine ihrem Verband über 40 Millionen Dollar schulden. Auch wird seit 1991 der Spielplan der Liga nicht mehr ausgelost, sondern von einer Kommission der AFA hinter verschlossenen Türen ausgetüftelt – häufig nach Wünschen von TyC oder Grondonas Vermarktungsfirma Puntogol. Verschiedene Schiedsrichter haben in den letzten Jahren ausgesagt, dass auf Anweisung von oben bestimmte Vereine „Sonderbehandlungen“ erhalten, aber keiner hatte die Chance zu einer Aussage vor Gericht. Diverse Staatsanwälte versuchten das Imperium Grondona und seine Machenschaften aufzudecken, aber kurioserweise wurde allen während der Untersuchungen Korruptionsfälle nachgewiesen – oder in die Schuhe geschoben, so dass nicht weiter gegen Don Julio ermittelt werden konnte.

Macht für die Familie

Dafür zeichnet Julio Humberto Grondona sich im kleinen Kreis um so mehr als warmherziger Familienmensch aus. Noch immer besitzt er in Sarandí das elterliche Eisenwarengeschäft, seinem Bruder Héctor verhalf er, nachdem dieser jahrelang die Geschicke von Arsenal geleitet hatte, Ende der 90er ebenso zu einer kurzen Amtszeit als Präsident von Independiente. Heutiger 1. Mann beim Grondona- Klub Arsenal ist Sohn Julio Ricardo, der dazu auch Funktionär der AFA ist. Seinen ältesten Sohn Humberto installiert Grondona langfristig wohl als seinen Nachfolger. Dieser Humbertito, der früher auch für Corinthians Sao Paolo tätig war, als diese von der dubiosen Marketinggesellschaft MSI des Iraners Kia Joorbachian geführt wurden, arbeitete ebenso für Talleres aus Córdoba, als dessen Präsident ein gewisser C. Ahumada war, der heute von Interpol gesucht wird. Dieser Sohnemann sorgte auch vor wenigen Monaten für einen Eklat in der argentinischen Nationalmannschaft: Dessen Trainer ist bekanntermaßen der größte Fußballer aller Zeiten Diego Armando Maradona, der zwar das vielleicht beste Spielermaterial der Welt zur Verfügung hat, aber den Anschein macht, seinen Trainerstab für die WM in Südafrika noch nicht klar definiert zu haben. Neben Weltmeistercoach Carlos Bilardo, der als Teammanager fungiert, hat Diego zwei weitere Assistenten und forderte dazu noch Oscar Ruggeri an seine Seite, der ebenso wie el diez in der Weltmeisterelf von ’86 spielte. Dagegen stellte sich partout Don Julio Grondona, vermutlich, weil Ruggeri ihn in der Vergangenheit mal als „Mafioso“ bezeichnet hatte. Gleichzeitig wollte Grondona seinen Sohn Humberto in eine führende Position im Management der Selección einsetzen. Mutig stellte sich Maradona dagegen: „er oder ich!“ drohte Diego mit seinem Rücktritt. Aber todo pasa und so bleibt auch dies nur ein weiteres Anekdötchen über den Strippenzieher Grondona, der treffender weise häufig mit Don Vito Corleone aus Mario Puzos Der Pate verglichen wird. Wobei sich angesichts des politischen Ausmaßes wohl eher ein Vergleich zum ehemaligen italienischen Premierminister Giulio Andreotti anbietet, wie ihn oben genannter Journalist Christian Sanz zeichnet.

Die zwei mächtigsten Männer der FIFA: Präsident Sepp Blatter und sein Vize Grondona

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Vielleicht ist es aber auch Sepp Blatter, der ihm am meisten ähnelt. Schließlich kontrollieren er als Präsident und Grondona als sein Vize bei der FIFA (ein „Konzern wie ein Kegelclub“ wie die Süddeutsche Zeitung im Mai 2006 titelte) alle Werbeabkommen, Vermarktungsverträge und die Vergabe der WM-Austragung. Verständlich, dass sie die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 koppeln wollen, damit diese noch in den Zeitraum ihrer Amtszeiten fällt. Grondona ist übrigens in Zürich verantwortlich für die Finanzen des Fußballweltverbandes und- hält man sich an die Definition des amerikanischen Ethnologen Marshall Sahlins- ist wohl die Art und Weise wie Grondona Macht und Geld in all seinen Positionen reziprok verteilt und einfordert, die perfekte Personifizierung des Big Man.

Viktor Coco

Dieser Artikel wurde bereits im Juni 2009 im Fanzine der St. Pauli Supporters G.A.S. veröffentlicht.

In den nächsten Tagen an dieser Stelle: Der neueste Schachzug von Grondona – wie die argentinische Regierung in den Streit um die Fußballübertragunsrechte gezogen wurde.


9 Antworten zu “Ein Porträt des Grauens: Julio H. Grondona oder das Big Man Prinzip

  1. sehr Interessant, Danke !!

  2. Danke für diesen sehr interessanter Beitrag!

    Dieser „alte Herr“ ist der auch ab und an mit der Mannschaft zu Freundschatsspielen in Europa?

  3. Hey interessanter Artikel und ein guter Vergleich des Big Man Phaenomens. Sahlins waere stolz auf dich!

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  6. cooler bericht, jetzt bin ich auch endlich mal eindeutig informiert wer da die zügel in der hand hält. todo pasa, mein lieblingsnationaltrainer ist geflogen, könnt ihr mich mal aufklären wer der neue ist, den grondona als einzigen der trainerfindungskomission präsentiert hat? über grondona findet man nur, wo er gespielt hat, und das D10S ihn für einen clown hält.

  7. ich mein natürlich batista, der artikel hat mich so beeindruckt

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